Zum Tod von J. D. Salinger, Autor von „Der Fänger im Roggen“

Das große Schweigen

Auch neue Fotos wusste er zu verhindern: J. D. Salinger. Foto: dpa

Nur einen Roman hat J. D. Salinger veröffentlicht, „The Catcher in the Rye“ („Der Fänger im Roggen“), seine letzte Kurzgeschichte erschien vor 45 Jahren. Danach hat er geschwiegen. Jerome David Salinger lebte, in dritter Ehe verheiratet, zurückgezogen in einem Holzhaus in Cornish im abgeschiedenen New Hampshire, gab keine Lesungen, signierte keine Bücher, sprach Jahrzehnte lang nicht mit Journalisten und wehrte vehement jeden Versuch ab, in seine Privatsphäre einzudringen.

Und doch nehmen die USA nach dem Tod  Salingers, der, wie Donnerstagabend bekannt wurde, am Mittwoch 91-jährig friedlich und ohne Schmerzen gestorben ist, Abschied von einem großen Schriftsteller. Holden Caulfield, 16-jähriger verletzlicher Protagonist von „Der Fänger im Roggen“, der sich - aus einem Internat geflogen - in New York herumtreibt, war mit seinem Weltschmerz und Ekel, mit Entfremdung, Einsamkeit sowie seinem schnodderigen, rohen Jargon voller Flüche Identifikationsfigur einer Generation, die gegen Heuchelei und Borniertheit der Erwachsenen rebellierte.

Mit Goethes „Werther“ ist „Der Fänger im Roggen“ verglichen worden, und tatsächlich ist der Einfluss des millionenfach verkauften Buchs kaum zu überschätzen: Auf Jugendliche, die es wie eine Bibel lasen, auf andere Schriftsteller und auch auf Verrückte wie den John-Lennon-Mörder Mark David Chapman, der beim Attentat ein Exemplar dieses Romans dabeihatte.

Die Wirkung von Salingers schmalem Werk (zu dem auch Kurzgeschichten über eine exzentrische Familie namens Glass gehören, wie etwa „Franny und Zooey“) ist so von Mythen geprägt wie das geheimnisvolle Leben des Einsiedlers von Neu-England, der Anwälte in Bewegung setzte, wenn es galt, eine Biografie, die Veröffentlichung seiner Briefe und eine Fortsetzung oder Verfilmung seines Schlüsselromans der 50er-Jahre zu verhindern.

Vieles liegt im Dunkeln - wie Salingers Nervenzusammenbruch als Soldat und eine kurze erste Ehe, die er 1945/46 einging. 1919 wurde er als Sohn eines polnisch-jüdischen Vaters und einer Mutter schottisch-irischer Abstammung in New York geboren und an verschiedenen Colleges (ohne Abschluss) und Militärschulen ausgebildet. Er nahm an der Invasion in Frankreich teil, arbeitete für den Nachrichtendienst im fränkischen Gunzenhausen. Da hatte Ernest Hemingway dem Autor schon „verdammtes Talent“ bescheinigt.

Enthüllungen seiner Tochter und einer Ex-Geliebten, die den zweifachen Vater als paranoiden Sonderling beschrieben, musste er erdulden - wie die Erwartung, dass er vielleicht doch an einem weiteren großen Roman unserer Zeit arbeite. Immerhin hatte er 1973 einen Reporter am Telefon wissen lassen: „Ich schreibe gern, ich liebe es zu schreiben, doch ich schreibe für mich selbst, zu meinem eigenen Vergnügen.“

Von Mark-Christian von Busse

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