Der aus Kassel stammende Musiker Efdemin setzt neue Maßstäbe bei Housebeats

Das große Wummern

Alles, was Phillip Sollmann in Interviews erzählt, klingt rundum sympathisch. Über seine steile DJ-Karriere der letzten Jahre sagt der 1974 in Kassel geborene Club-Berghain-Resident und Absolvent des Studienganges Elektroakustische Musik an der Hochschule für Musik und darstellende Künste in Wien: „Das war ja gar nicht so geplant´.“ Musikalische Festlegungen sind nicht sein Ding, Verbiegungen für ein unverständiges Publikum hält er für „das Allerschlimmste“.

Sollmann, der sich als Künstler Efdemin nennt, ist enorm begeisterungsfähig und herzt respektvoll die richtigen, schönen, klug gemachten Sachen. Weshalb er sich in aller Bescheidenheit freut, wenn man ihn auf offensichtliche Einflussgrößen seines fantastischen Albums „Decay“ anspricht - auf die Detroiter Technomusiker Robert Hood und Jeff Mills nämlich, ohne deren stilprägende Tracks die Welt der geraden Bassdrum garantiert eine andere wäre.

Produziert hat Efdemin „Decay“ unter Kopfhörern innerhalb eines Monats im japanischen Kyoto. Als einmal ein japanischer Mönch auf einer Mundorgel neben ihm „mit Differenztönen losgetrötet hat“, wären ihm beinahe die „Ohren weggeflogen“. Fand er super. Anhaltendes Fiepen in den Ohren passt ins Bild: War Efdemins House-Album „Chicago“ (2010) eine möglicherweise etwas zu spröde geratene Delikatesse für House-Connaisseure, so ist „Decay“ nun das ganz große Techno-Vergnügen, wuchtig, warm, distanziert und ein bisschen unheimlich.

Ein aus tiefsten Höhlen oder unterirdischen Fabrikanlagen kommender, majestätisch in den Weltraum driftender Trip aus einem Guss, den leise genießen zu wollen, ein ästhetisches Verbrechen wäre. Herrliche Metall-Schraffuren, zwitschernde Bleeps, deepe Dissonanzen, Hi-Hats aus Chirurgenstahl, Riesenclaps unter Echo- und Halleinfluss, menschliche Kontraststimmen sind wild kombiniert.

Mit „Decay“ lernt man, seltsame Dinge mit den Ohren zu sehen: irritierend hybride Mischanordnungen und Verschränkungen aus Natur und moderner Technologie, lebende Flüssigkeiten aus Chrom zum Beispiel. Die Bässe und Bassbeats wiederum muss man nicht sehen, man soll sie fühlen - und wie. Spätestens hier, im wummernden Bassfundament, wie man es derzeit ähnlich mächtig von Techno-Künstlern wie Ben Klock, Marcel Fengler oder Function kennt und schätzt, schüttelt „Decay“ die Detroiter Vergangenheit ab. Zwischen dem Bass-Sounddesign der 90er und dem aus dem Hier und Jetzt liegen Welten.

Efdemin: Decay (Dial / Kompakt), Wertung: !!!!!

Von Michael Saager

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