Der Unangepasste

Zum Tod des großen Komponisten Hans Werner Henze

Hans Werner Henze in einer Aufnahme von 2009. Foto: dpa

Vor sechs Wochen, am 15. September, wohnte der Komponist Hans Werner Henze noch seinem Tanzstück „Orpheus“ bei der Spielzeiteröffnung des Kasseler Staatstheaters bei. Am Samstag ist Henze, der bereits bei seinem Besuch in Kassel geschwächt wirkte, im Alter von 86 Jahren in Dresden gestorben.

Er hatte dort die Premiere seiner Anti-Kriegsoper „Wir erreichen den Fluss“ besucht. Henze, der ein kaum zu überblickendes Werk hinterlässt, gehört zu den bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Und er stand immer wieder im Mittelpunkt von Kontroversen. Zunächst persönlich, indem er sich zu seiner Homosexualität bekannte, was für den in Gütersloh geborenen Musiker zum Bruch mit der Familie führte.

Künstlerisch setzte sich Henze zwischen alle Stühle, als er gegen den Willen seines Lehrers Wolfgang Fortner begann, mit Zwölftönigkeit zu arbeiten, sich andererseits aber weigerte, nach der Doktrin der 1950er- und 60er-Jahre seriell zu komponieren.

Politisch wandte sich Henze der Linken zu. 1953 verließ er Deutschland, lebte fortan in Italien, wurde Mitglied der KPI und unterstützte die kubanische Revolution. Im toskanischen Montepulciano gründete Henze 1976 den Cantiere Internazionale d’Arte, ein alternatives Klassik-Festival, für das er auch seine Kinderoper „Pollicino“ schrieb.

Als Komponist war Henze unermüdlich: Für seine ersten Erfolgsopern „Der Prinz von Homburg“ (1958/59) und „Der junge Lord“ (1964) schrieb seine enge Freundin, die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, die Libretti. Zu Henzes fast 30 Bühnenwerken zählt auch die komische Oper „Der heiße Ofen“, die 1989 in Kassel uraufgeführt wurde. Er schrieb ferner zehn Sinfonien („um den Mythos der schicksalhaften Zahl neun zu widerlegen“), Orchesterwerke und Kammermusik in großer Zahl.

Henzes Musik ist gekennzeichnet von handwerklicher Meisterschaft. Er ist Vertreter einer Moderne, die sich nicht auf bestimmte Kompositionsmuster beschränkt, sondern aus dem reichen Schatz der Musikgeschichte schöpft.

Mit der 1988 von ihm gegründeten Münchner Opernbiennale schuf er das bedeutendste Forum für zeitgenössisches Musiktheater. Auch nach dem Tod seines Lebensgefährtens Fausto Moroni 2007 behielt Henze seinen Wohnsitz in Marino nahe Rom bei. Unter seinen zahlreichen Ehrungen ragen der als Nobelpreis der Künste geltende Praemium Imperiale und der Ernst-von-Siemens-Musikpreis heraus.

Von Werner Fritsch

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.