Harry Rowohlt wird heute 65 Jahre alt

Großer Bär von großem Verstand

Harry Rowohlt Archivfoto: Fischer

Wer eine Harry-Rowohlt-Lesung besucht, kann was erleben. Stundenlange - wirklich: viele Stunden lange - Sprachkraft und -verliebtheit, hintersinnige Vortragskunst, ein vielfältiges Repertoire an skurrilen Stimmen und unbändiger spöttischer Biss machen Rowohlt-Auftritte zu einem höchst unterhaltsamen Marathon: „Paganini der Abschweifung“ heißt sein Lesungsmitschnitt von 2005. Heute wird der Übersetzer, Rezitator und Kolumnist 65 Jahre alt. Bekannt ist er auch als Darsteller des Obdachlosen Harry in der Fernsehserie „Lindenstraße“.

Vor einer Lesung in einer Kneipe im nordhessischen Treysa ließ sich Rowohlt mal während des Zähneputzens bei offener Badezimmer-Tür befragen - und lästerte dann während der Lesung immerzu über Journalisten, um die anwesende Rezensentin charmant als Ausnahme zu bezeichnen. Und leerte Bierglas auf Bierglas: „Schausaufen mit Betonung“ nannte der „Botschafter des irischen Whiskeys“ und Träger des Göttinger Elchs mal seine Lesungen.

Als er Polyneuropathie bekam, eine unheilbare Erkrankung des Nervensystems, die mit einer Einschränkung seiner Gehfähigkeit einhergeht, wollte Rowohlt fortan auf Alkohol verzichten. Nun gibt es „Betonung ohne Schausaufen“. Auch seinen Geburtstag will Rowohlt, der mit seiner Frau Ulla in Hamburg-Eppendorf lebt, nicht feiern.

Eine Karriere im Verlag des Vaters Ernst Rowohlt kam für den gebürtigen Hamburger nicht infrage - trotz oder wegen einer Lehre bei Suhrkamp, des Volontariats im eigenen Haus und zweijähriger Verlagstätigkeit in New York. 1983 verkauften Harry und sein Halbbruder Heinrich Maria Ledig-Rowohlt den Verlag an Holtzbrinck.

Über 100 Bücher hat Rowohlt stattdessen übersetzt, Flann O’Brien, Frank McCourt wie das Kinderbuch „Winnie-the-Pooh“ („Pu der Bär“) - für das Pu-Hörbuch bekam er eine Goldene Schallplatte, wie er auf seiner Homepage nicht unerwähnt lässt. „Pooh’s Corner“ heißt seine geniale, auch als Buch erschienene „Zeit“-Kolumne („Meinungen und Deinungen eines Bären von geringem Verstand“). Zum 60. Geburtstag bereits erschien die Festschrift „Der große Bär und seine Gestirne“. Möge sein Stern noch lange hell leuchten.

Von Mark-Christian von Busse

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