An ihrem heutigen 70. Geburtstag erscheint mit „Mayas Tagebuch“ ein neuer Roman von Isabel Allende

Großes Herz und große Klappe

Ob die Haare von Maya Vidal blond sind, weiß sie nicht mal mehr selbst. Sie färbt sie sich regenbogengrell. Ein Ring in der Nase und Tattoos komplettieren ihr schrilles Aussehen. Sie ist ein gefallenes Mädchen, das nicht allen gefällt.

Von ihrer Mutter wurde sie früh verlassen, ihr Vater gab sie zu den Großeltern, weil er sich nicht stören lassen wollte. Die Oma war vor der chilenischen Diktatur nach Kanada emigriert, wo sie im afroamerikanischen Astronomieprofessor Paul einen Bilderbuchmann fand, mit dem sie 30 Jahre in Kalifornien zwischen phlegmatischen Hippies und gnadenlosen Feministinnen eine reiselustige Idealgemeinschaft lebte. Nur die Kindererziehung ist ihr entglitten, obwohl die fest umrissen war: „Essen und Liebe satt, klare Regeln und hin und wieder eins hinter die Löffel.“

Dann kamen für Maya mit 16 ein „Tsunami der Gefühle“, Gothic Style und zwielichtige Freundinnen. Im Parkhaus fand ihre Jungfräulichkeit ein Ende. Da dealte und klaute sie schon. Nach dem Internat für schwererziehbare Jugendliche in Oregon führte die Spirale abwärts. Vergewaltigt von einem Trucker im schäbigen Motelzimmer, mit falschem Pass als Kriminelle in Las Vegas. Nun ist sie 19 und ganz unten.

Nun ist Maya eine ideale Romanfigur für Isabel Allende. Mit dem Temperament Südamerikas baut sie die Geschichte dieser Schwester im Geiste zum Erziehungsprogramm um und macht sie zur Projektionsfläche ihres Gutmenschentums. Folklore, skurrile Personage, chilenische Geschichte und die Macht des Weiblichen bringt sie in Stellung. „Nichtstun ist etwas für Männer.“ Dinge passieren, damit sie zum Guten gewendet werden können.

Weil Allende ihren Plot mit Krimi-Elementen garniert, wird die gebeutelte Maya von FBI, Interpol und einer Verbrechergang aus Las Vegas gesucht. Also muss sie weg. Sie landet wie zur Quarantäne auf der kleinen chilenischen Insel Chiloé beim dort in Askese lebenden Manuel Arias, einem alten Freund der Großmutter.

Hier schlägt Maya ein wie eine Bombe. Alkohol, Drogen, Internet und Telefon sind ihr verwehrt, sogar ihr iPod ist weg. In ein Tagebuch soll sie ihre Geschichte ergießen: Erzählen als Therapie. Also plappert sie wie ein Wasserfall.

Das liest sich wie das Stimmengewirr einer eifernden Frauenrunde und puzzelt sich mühsam zusammen. Das schweift weit, wird lang und länger, ehe es zu einer neuen Variation des zentralen Themas Allendes wird: Wie umgehen mit Heimatverlust, Exil und Verbannung, auf dass sie einen schließlich in den Bann ziehen.

Isabel Allende: Mayas Tagebuch. Suhrkamp, 448 S., 24,99 Euro, Wertung: !!:::

Von Ulrich Steinmetzger

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