Großes Kino mit Michael Wollny beim Jazzfrühling

Tastenvirtuose aus Schweinfurt: Michael Wollny beim Jazzfrühling in der Hauptstelle der Kasseler Bank. Foto: Hedler

In den vergangenen Jahren hat Michael Wollny so ziemlich jeden Jazzpreis bekommen, den es gibt. Zu Recht, wie der Pianist nun beim Kasseler Jazzfrühling bewies.

Kassel. Als Jazzfan schwebte man die letzten zwei Wochen in Kassel auf Wolke sieben. Wer es sich leisten konnte, besuchte Abend für Abend die hochgradig interessanten Konzerte des Jazzfrühlings im Theaterstübchen oder im Opernhaus und ging nur widerwillig nebenbei noch zur Arbeit, in die Uni oder in die Schule.

Am Freitagabend bot sich die Kasseler Bank als Spielstätte für den Ausnahme-Pianisten Michael Wollny an, und der Empfangsraum der Hauptstelle erwies sich als stimmungsvolle Auftrittsarena mit ansprechender Akustik.

Der 37 Jahre alte Tastenvirtuose aus Schweinfurt, der in Leipzig lebt, bescherte dem Geldinstitut ein volles Haus und sorgte beim fachkundigen Publikum für expressive Begeisterung. Was Wollny dem brillant klingenden und stimmungsrobusten Yamaha-Flügel an Tonfarben und Klangräumen entlockte, glich einer Ausstellung großer Meister der klassischen Moderne und der Avantgarde.

Mit Zwölfton-Fragmenten, modalen Dissonanzen, Neoromantik und Modern Jazz durchwanderte er emotionale Kontinente wie ein Weltenbummler auf der Suche nach Erkenntnis. Auf diesem Trip voller klimatischer Überraschungen begegnete man Komponisten wie Joachim Kühn, Debussy und Esbjörn Svensson.

Doch Wollny entwickelt schon längst seine eigene, von einer variantenreichen Technik getragene, individuelle Sprache. Ein künstlerisch beeindruckendes Esperanto, das von einer generationsübergreifenden Fangemeinde euphorisch gedeutet wird. Wenn auch seine von Unruhe geprägte Körpersprache mit der eleganten Wortwahl seiner Improvisationen selten zu einer Einheit fusionierte, gelang ihm die Transparenz zwischen laut und leise, stakkato und legato, rhythmischer Präzision und freiem Spiel aufs vortrefflichste.

Die pianistische Wegstrecke vom Poeten bis zum Rockstar garnierte er mit fulminanten Soli und stetig modulierender Harmonik. Selbst als der Stuhl eines Zuhörers während einer leisen Passage krachend zerbrach, hätte man diese Geräuschkulisse einer Wollny-Interpretation einer John-Cage-Komposition zuordnen können.

Das Publikum forderte vehement mehrere Zugaben, die der schüchterne Klaviervisionär auch gerne gewährte. Nach fast zwei Stunden phänomenaler Pianokunst verabschiedete sich Wollny mit einem sentimentalen „Little Person“ aus dem Film „Synecdoche“. Ganz großes Kino.

Von Andreas Köthe

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