Großmäulig und nachdenklich: Das neue Samy-Deluxe-Album

Ich lasse Türen offen, denn so finden alle Leute Zugang“ , rappt Samy Deluxe im eigenartigerweise an die zweite Stelle der Trackliste gesetzten „Intro“. Klingt nach Sozialpädagogik vom Märchenonkel?

Von wegen, denn ein paar Takte später poltert der Mann, der seinerzeit von den Beginnern entdeckt wurde, so richtig los, spricht davon, sich mit Plattenkritiken den Po abzuwischen und hinterfragt die Gläubigkeit des Papstes.

Was ist da los? Schlägt Größenwahn zurück? Vielleicht ein bisschen, und das ist völlig in Ordnung: Denn wo das vor zwei Jahren erschienene „Dis wo ich herkomm“ sich mit seinen politisch-ambitionierten Texten manchmal selbst ein Bein stellte, ist das neue Album „SchwarzWeiss“ zumindest teilweise eine Besinnung auf Altes, verbindet großmäulige Battle-Attitüde mit nachdenklicheren Tracks.

„Diese Position, die ich mir erarbeitet habe, kann keine Geldsumme bezahlen“, heißt es in „Poesiealbum“, einem Titel, der insofern bemerkenswert ist, als er gegen Regeln verstößt. Die Melodie, die Hookline ist melancholisch, fast eine Ballade. Die Raps aber kommen so schnell wie aus dem Maschinengewehr. Viele Worte sind das naturgemäße Resultat.

Ob Samy Deluxe ein neuer Erich Kästner ist, ob die gezogenen Parallelen zu Heinrich Heine einer näheren Untersuchung standhalten würden, darf man bezweifeln. Aber ganz egal - denn allein dafür, dass er es schafft, „Poesiealbum“ schlüssig auf „Viehhaltung“ zu reimen, gebührt dem Hamburger Rapper Respekt.

Zumal Deluxe durchaus auch ernsthafte Themen besetzt. „Ego“ etwa handelt vom Kampf zwischen Verstand und Instinkt beim Streben nach Anerkennung und Ruhm. „Wer wird Millionär“ ist nicht nur die „beliebteste Gameshow der Nation“, sondern auch eine clever in Szene gesetzte Sozialstudie.

Und der Titeltrack schließlich schildert das Zusammenspiel zwischen Hautfarbe und öffentlicher Wahrnehmung im Deutschland der Gegenwart. „Is kein Spaziergang im Park“, fasst er zusammen und dankt für sein „Leben zwischen den Stühlen“. Insgesamt sorgt Samy Deluxe für eine hübsche Abwechslung zu all den Gangstern, die dieser Tage deutschsprachigen HipHop prägen. (tx)

Samy Deluxe: SchwarzWeiss, CD, Capitol (EMI), Wertung: Vier von fünf Sternen

Rubriklistenbild: © nh

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