Das grandiose Album des US-HipHoppers Kanye West

Großmaul des Jahres

Nun, wo das Jahr zur Neige geht, und alle zurückschauen, wird deutlich: Was Mainstream-Pop anbelangt, war das Jahr 2010 nur so lala. An zwei Ereignisse aber könnten wir uns mit etwas Gedächtnisglück noch Anfang 2011 erinnern: An die Wiederbelebung fünf inzwischen alt gewordener neurotischer Boys unter dem Namen Take That. Und an das einzige Popalbum wirklich verschwenderischen Maßstabs aus den Händen eines noch größeren Großmauls, besser bekannt als Kanye West. Es heißt: „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“.

Kanye West: Rapper, Hitzkopf, Selbstdarsteller, Jammerlappen, Spaßbremse, Alleskönner. Man könnte die Liste munter fortsetzen, aber „wir haben ja nicht ewig Zeit“ (Moritz von Uslar). Tatsächlich gibt es kaum ein Foto des 33-Jährigen, auf dem der Mann nett ausschaut, nicht blasiert, arrogant, genervt. Einfach mal nett! Kann er nicht, weil er’s nicht ist. Andererseits: Wie langweilig wäre das denn? Reicht ja hin, dass (angeblich) eitel Sonnenschein zwischen Robbie und Gary herrscht.

Als Kanye West im letzten Jahr bei den MTV-Awards ausflippte und das Country-Sternchen Taylor Swift hart anpöbelte, weil er sehr viel lieber Schmuckstück Beyoncé Knowles von der Trophäe geziert gesehen hätte, wurde er von Barack Obama „Idiot“ genannt. Tolle Geschichte. Pop, im Jahr 2010 noch egaler geworden als er die Jahre zuvor bereits war, kann es sich gar nicht leisten, solche Gestalten nicht hervorzubringen.

Ein veritabler Künstler ist Kanye West außerdem. Und obschon er einem den Spaß mit seinem ewigen Selbstmitleid auch auf dem neuen Album bisweilen zu vermiesen droht - Melodien für Millionen hat der Mann! Die Hälfte der Stücke hat annähernd die gleichen Ohrwurmqualitäten wie Coolios HipHop-Klassiker „Gangsta’s Paradise“. Dazu passt, dass diverse Mitglieder des Wu-Tang Clans ihre Rap-Skillz zum Besten geben. Und das, obwohl HipHop gemeinhin als tot gilt. Kanye West weiß das natürlich, und deshalb wird auch viel gesungen, von Rihanna, den Indie-Folkern Bon Iver und einigen anderen.

Kanye Wests „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ ist süffigster HipHop-Pop, opulent arrangiert, emotionalisiert mit Ghospel-Chören, satt gemacht mit fetten Beats und rollenden Bässen, auf den Punkt mit Synthie- und Gitarrenriffs gebracht, exotisch veredelt durch allerlei afrikanischen Ethno-Zauber. Gerade nah genug am Überwältigungs-Kitsch, aber nicht zu nah. Ein dickes Ding. Was man Kanye West indessen nicht wirklich abnimmt: den Politik-Kritiker, den er etwa in „Power“ gibt. Der Mann denkt zwar in allergrößten Pop-Maßstäben, aber sehr viel lieber als an die Welt da draußen denkt er an sich. Den ganzen Tag, möglichst laut.

Kanye West: My Beautiful Dark Twisted Fantasy (Def Jam / Universal). Wertung: !!!!!

Von Michael Saager

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