Groteskes Bilderkabinett: Das Aktionstheater zeigte „Die Tonleiter“

Ausdrucksstarkes Spiel: Timotheé Uehlinger als Viloro (links) und Deva Schubert als Tasla. Foto: Mierke

Kassel. Eine hübsche, junge Radfahrerin, mit einem großen Käfig als Anhänger. Darin: ein vom Leben gezeichneter Rohling, den sie zur Folter fährt. Ein Klavierspieler, die Beine mit Klebebändern fixiert.

Ein Nachttopf als Liebesgabe, eine Vergewaltigung, ein Mord mit Aktentasche über dem Kopf - extreme Bilder, die sich abstoßen und doch Puzzle-Teile eines großen Ganzen sind. Bruchstücke einer Welt voller sich aufstauender und explodierender Gefühle.

„Die Tonleiter“ heißt das Stück, mit dem das Aktionstheater Kassel am Donnerstag im ehemaligen Brandt-Bekleidungswerk im Schillerviertel unter der Regie von Helga Zülch eine erfolgreiche Premiere feierte. Aus der Wundertüte des absurden Theaters stammt es, geschrieben von dem heute 83-jährigen, spanischen Autor Fernando Arrabal.

Fast so groß wie ein Handballfeld ist die Halle, in der gespielt wird. Das Publikum sitzt genau in der Mitte. Das Spiel flankiert es von beiden Seiten. Die Köpfe der knapp 70 Besucher drehen sich, die Körper verbiegen sich, um alles mitzubekommen.

Gewalt, Sprachlosigkeit, Sehnsucht nach Zärtlichkeit -alles grotesk ausgeprägt - dominieren das Stück. Von einer Handlung, einer logischen, einer mit rotem Faden, der Ursache und Wirkung verbindet, kann man nicht sprechen. Absurdes Theater gehorcht eigenen Gesetzen.

Viloro (Timotheé Uehlinger) ist besessen davon, Klavierspielen zu lernen, übt und übt. Paso (Werner Zülch), eine Gestalt, die Elend und Bösartigkeit ausstrahlt, und Mann 1 (Michael Werner), mit ebenso abstoßender Aura, verlachen ihn, quälen ihn, hindern ihn mit Gewalt daran. Das Mädchen Tasla (Deva Schubert) kommt dem jungen Klavierspieler immer wieder zu Hilfe. Eine Liebesgeschichte entwickelt sich, eine Vergewaltigung flankiert sie, ein Mord beendet sie.

Warum? Wieso? Fragen beantwortet das Stück nicht. Will es nicht. Es ist ein groteskes Bilderkabinett extremer Gefühle. Von allen Darstellern immens ausdrucksstark - berührend, irritierend, provozierend - in Szene gesetzt. Ein Stück, das in den Bann zieht. Viel Applaus.

Weitere Aufführungen: 13., 14., 19., 22., 28. und 29. November, jeweils 20 Uhr, ehemalige Brandt-Bekleidungswerke, Erzbergerstraße 47. Karten: 0561/773142

Von Steve Kuberczyk-Stein

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