Museum Schloss Wilhelmshöhe in Kassel zeigt Tafel von der Veste Coburg

Ein Grünewald zu Gast

Einst eine Klapptafel: Christus ist auf Grünewalds „Letztem Abendmahl“ deshalb leicht aus der Mitte gerückt - eingerahmt vermutlich von den Jüngern Petrus (der sich die Haare rauft) und Thomas, in Jesu’ Schoß der Lieblingsjünger Johannes, gegenüber Judas - der Verräter mit dem Beutel für die Silberlinge. Foto: MHK

Kassel. Ein Frühwerk von Matthias Grünewald, einem der bedeutendsten deutschen Maler, zeigt bis zum 8. August das Museum Schloss Wilhelmshöhe in Kassel. Die Leihgabe der Veste Coburg ist eine beidseitig bemalte Tafel. Sie diente vermutlich als Predella (Unterbau des Altars, in dem die Sakramente verwahrt werden) und stellt „Das letzte Abendmahl“ und die „Heiligen Agnes und Dorothea“ dar.

Justus Lange, Leiter der Gemäldegalerie Alte Meister, freut sich, dass die „kleine, aber schöne“ Sammlung altdeutscher Malerei mit Dürer, Cranach und Altdorfer nun ein wertvoller Grünewald zeitweilig ergänzt. Die Tafel zeigt, wie der Maler „auf der Schwelle zur Neuzeit stand“, sich mit den ins Profil gedrehten, in ihrer Körperlichkeit dargestellten Figuren von spätmittelalterlichen Bildtraditionen verabschiedete. Sie trifft auf die frühe Kopie einer Zeichnung, die schon um 1600 als Selbstbildnis des Malers galt. Inzwischen gebe es daran erhebliche Zweifel, so Lange. Eher könnte es sich um eine Studie für „Johannes auf Patmos“ handeln.

Die Tafel erinnert an eine kuriose Kasseler Grünewald-Geschichte: Von 1882 bis 1889 waren dessen „Kreuztragung“ und „Kreuzigung“ aus der Sammlung des Industriellen Edward Habich (1818-1898) als Dauerleihgabe in der Gemäldegalerie zu sehen. Er hatte sie auf Vermittlung des Galeriedirektors Oscar Eisenmann in Tauberbischofsheim erstanden. 1889 forderte man die Gemälde zurück. Vermutlich hatte der Pfarrer vor dem Verkauf seine Vorgesetzten nicht in Kenntnis gesetzt. Vielleicht dämmerte es der Kirchenverwaltung auch, wie kostbar die Bilder waren. Jedenfalls wurden sie bald an die Kunsthalle Karlsruhe verkauft - „vielleicht eine frühe Form der Marktwertsteigerung“, sagt Lange.

Während eines Kassel-Aufenthalts faszinierte der drastische Realismus der Gemälde den Schriftsteller Joris-Karl Huysmans, der sie im Roman „Là-bas (Tief unten)“ verewigte und so zur Wiederentdeckung Grünewalds Ende des 19. Jahrhunderts beitrug - noch in der Französischen Revolution wäre sein Isenheimer Altar „fast zu Kleinholz gemacht worden“, sagt Lange. „Völlig irre Sachen“ seien über ihn in der Forschung zu lesen gewesen, ehe sich im 20. Jahrhundert sein Bild geschärft habe.

Der Sammler Habich, der unter anderem mit einer Brauerei in Boston reich wurde, „muss ein sehr sympathischer Mensch gewesen sein“, sagt Lange. Das geht aus humorvollen Korrespondenzen hervor. Habich hinterließ der Gemäldegalerie 20 Werke, darunter einen Baldung Grien.

Justus Lange stellt das Gemälde am 27. Mai, 18.30 Uhr, im Museum vor.

Von Mark-Christian von Busse

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