Patti Smith schreibt in ihrem melancholischen Erinnerungsband „M Train“ über ihre Gedankenwelt

Guckloch in einen Künstlerkopf

Nachdenklich: Musikerin und Autorin Patti Smith. Foto: dpa

Manchmal kreist das Leben nur noch um einen Spielzeugsoldaten. Oder um einen alten, schwarzen Mantel. Mit Gegenständen, die wir lieben, sind wir emotional verbunden. Sie sind Bewahrer unserer Träume und Erinnerungen, Speichermedien für schöne Zeiten und liebe Menschen.

Ein wichtiger Teil von Patti Smiths neuem Erinnerungsbuch „M Train“ lässt jene magisch aufgeladenen Dinge leuchten, die der Autorin wichtig sind. Anhand solcher Objekte lässt sie ihre Erinnerung reisen – zu Orten, die sie einst besucht hat, zu Künstlern, die ihr wichtig sind.

Im Unterschied zu ihrer Biografie „Just Kids“, wo sie 2010 ihre Anfänge in New York und ihre Beziehung mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe konkret aufleben lässt, die Aufbruchzeit zweier Menschen nachzeichnet, die ihre eigene künstlerische Stimme suchen, bleibt „M Train“ assoziativer, schwebender. Reisen bilden rote Fäden, auch die Erinnerung an ihren geliebten Seelenpartner und Ehemann Fred und eine unstillbare Traurigkeit über seinen frühen Tod.

Patti Smith, 69-jährige Beatpoetin und Ikone der Punkbewegung, gewährt mit großer Ehrlichkeit einen melancholischen Einblick in ihr Seelenleben, in ihre Träume. Es gibt mit liebevoller Wärme geschriebene meditative Rückblicke auf Lebensstationen, etwa eine Reise zum Haus der mexikanischen Künstler Frida Kahlo und Diego Rivera, wo sie nach einem Schwächeanfall in Riveras Bett wieder zu Kräften kommen darf. In der Aura geliebter Künstler zu sein: Dazu gehören auch Aufnahmen mit einer Polaroid-Kamera, die sie sorgfältig inszeniert. Die Abzüge sind Schätze, lassen etwa die Magie von Künstler(grab)stätten aufscheinen. Patti Smith blättert sie gern durch – wie „Baseball-Sammelbilder meines himmlischen Teams“.

Sie schildert Vortragsanfragen und andere Job-Verpflichtungen, verschweigt aber nicht, dass ihr Künstlerinnenleben vor allem Einsamkeit bedeutet. Das Guckloch in ihre Gedankenwelt wirkt inspirierend: Sie stromert durch Städte und entdeckt geheimnisvolle Hinterhofwelten, sie genießt in Cafés intellektuelle Begegnungen – etwa in Berlin im „Pasternak“ –, sie reist extra in ein kleines Hotel nach London, um ungestört eine Woche lang geliebte TV-Krimiserien anzuschauen. Und immer wieder: Autoren. Patti Smith präsentiert ihre literarischen Lieblinge „auf einem Tablett voller Anspielungen“, vergleicht ihr Werk mit jenem Tablett in Leo Tolstois Haus, das ein ausgestopfter Bär hält, um Besucher-Visitenkarten aufzunehmen.

Dazu räsoniert sie humorvoll über ihre eigene Schrulligkeit, beichtet, wie wichtig es ihr ist, in ihrem New Yorker Stammcafé in Greenwich Village am immergleichen Platz schwarzen Kaffee, Vollkorntoast und Olivenöl zu verzehren, wie unruhig sie wird, wenn mal jemand anderes dort sitzt.

Patti Smith: M Train, KiWi, 336 Seiten, 19,99 Euro, Wertung: !!!!!

Von Bettina Fraschke

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