Geschmackloses brillant präsentiert: Mirja Boes beim Sommer im Park in Vellmar

Wie Gülle überm Kopf

Unterirdisch: Mirja Boes. Foto: Schachtschneider

Vellmar. Oh weh. Wer nicht bereit war, Comedy-Girlie Mirja Boes bei ihrem Programm „Ich doch nicht“ ins Souterrain der Niveaulosigkeit zu folgen, musste bei ihrem ausverkauften Auftritt beim Sommer-im-Park-Festival in Vellmar leiden. Mit virtuos präsentierten Geschmacklosigkeiten und unterhaltsam verpackten Anspielungen auf geschlechtsspezifische Ungereimtheiten konnte sie das Publikum zwar begeistern, doch Anspruch auf inhaltliche Substanz hatte man am besten zu Hause gelassen.

Es stellte sich die Frage, ob der Diskurs über das Urinieren im Schwimmbecken bei der Schwangerschaftsgymnastik, das Entfernen von Unrat aus der Nase eines Babys und die Konsistenz des Stuhlgangs kleiner Kinder eine 30-Euro-Eintrittskarte wert war oder man sich gleich einen Eimer Gülle über den Kopf hätte schütten sollen. Auch die permanent von Boes erwähnte Penisqualitätsstufe 2a des Geschlechtsteils von Stephan, der in der ersten Reihe sitzend das verbale Sperrfeuer im Schützengraben souverän überstand, langweilte auf Dauer.

Boes hat den Charme und die Energie eines literweise Kaffee saufenden Autoverkäufers, der mit deftigen Zoten und Schenkelklopfern für gute Laune sorgt, um den ollen Polo mit Getriebeschaden an den Kunden zu bringen. Das Thema ist völlig wurscht, Hauptsache, sie überschreitet eine Grenze. Zwischenzeitliche Ansätze von intelligenter Comedy, als es um die Charakterisierung kommunikativer Auswüchse zwischen Frau und Mann ging, mündeten gleich wieder in einer Frage an einen Versicherungsvertreter, ob man Sachschäden mit Menstruationshintergrund versichern könne.

Im zweiten Teil improvisierte Boes mit in der Pause auf Zetteln notierten Fragen der Zuschauer, und bald gruppierte sie ein illustres Völkchen auf der Bühne um sie herum. Dabei wurde ein junger Mann gleich mal als „vielleicht schwul“ identifiziert und auf einem Anrufbeantworter Stephans Penisqualitätsstufe verewigt. Als Valerie Denzer ulkte sie einen kessen Striptease auf die Bretter, dann versank sie mit der hochschwangeren Lela aus dem Seitenblock in ihrem Bühnensofa. Frauenpower vom Niederrhein, brillant in der Form, unterirdisch platt im Inhalt. Dem Publikum war das einen kräftigen Applaus wert.

Sommer im Park heute, 20 Uhr: Artefex, Absolventenshow der Staatlichen Artistenschule Berlin. Dienstag, 20 Uhr: Die Puhdys. Karten: Tel. 0561/203204

Von Andreas Köthe

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