Gustav-Mahler-Festtage: Adam Fischer dirigierte in Kassel die erste Sinfonie

Abschluss der Kasseler Gustav-Mahler-Festtage: Stefan Zenkl (links) sang die „Lieder eines fahrenden Gesellen“, Adam Fischer (rechts) dirigierte das Kasseler Staatsorchester. Foto: Malmus

Kassel. Mit Mitte zwanzig hatte Gustav Mahler (1860-1911) künstlerisch bereits alles drauf. Auf faszinierende Weise war das am Sonntag beim dritten Konzert der Kasseler Gustav-Mahler-Festtage zu erleben, mit dem eine Zeitreise rückwärts bei dem jungen Komponisten in seiner Kasseler Zeit 1883-85 ankam. In zwei Konzerten zuvor waren die unvollendete Zehnte (1910) und die sechste Sinfonie (1905/06) gespielt worden.

Adam Fischer, der Begründer des Mahler-Festivals und Ehrendirigent des Staatsorchesters, ließ hier mit den Kasseler Musikern sein Auftakt-Programm von 1989 wieder aufleben und verband die erste Sinfonie mit den in Kassel entstandenen „Liedern eines fahrenden Gesellen“.

Diese vier waren bei Stefan Zenkl gut aufgehoben. Der Österreicher verfügt nicht nur über eine volle Baritonstimme, sondern besitzt auch ein feines Gespür für Mahlers Zwischentöne, für die Spannung zwischen Innigkeit und  (bitterer) Ironie. Die „schöne Welt“ aus dem Lied „Ging heut morgen übers Feld“, dessen Melodie in der ersten Sinfonie dann wieder auftaucht, ist eben mehr Beschwörung als Realität.

Niemals ist Mahlers Musik einfach nur unbefangen schön, auch da, wo sie vorgibt, harmlos zu sein. Ein Dirigent, der die untergründige Spannung von dieser Musik aufs feinste erspüren kann, ist Adam Fischer. Schon die Naturstimmung zu Beginn der Sinfonie mit Streicher-Flirren, Kuckucksruf und fernen Trompeten ließ ahnen, was sich da noch zusammenbrauen würde. Das Tolle: Fischer gibt jedem Thema, jeder Episode ihr Recht, ihr Tempo, ihren Charakter, und führt doch im steten Vorwärtsdrängen alles zu einem großen Ganzen zusammen.

Im dritten Satz, dem „Todtenmarsch“, betont Fischer das Groteske. Die erste Sinfonie (für Fischer ist sie Mahlers „Entdeckung der Welt“) zeigt hier ihr grimmig-sarkastisches Gesicht, wenn mit Humpta-Rhythmus und schrillen Klarinettenklängen eine Blaskapelle vorbeizieht.

Fulminantes Ende

Grandios ließ Fischer die Sinfonie im Finale kulminieren, führte alle Themen noch einmal zusammen und das Orchester zu einer mitreißenden Schlusssteigerung (grandios: die Hörner). Manche Zuhörer in der fast ausverkauften Kasseler Stadthalle erinnerten sich angesichts dieses überschwänglichen Schlusses vielleicht an das Auftaktkonzert mit Mahlers Zehnter und Yoel Gamzou, in der Mahler - am Ende seines Lebens - die Musik einfach aushauchen und versickern lässt. Was für ein Bogen wurde hier über drei Abende gespannt.

Am Ende des Konzerts, dessen Erlös dem Verein „Bürger Pro A“ zur Unterstützung des Staatsorchesters zugute kommt, erhob sich das Publikum, es herrschten lauter Jubel und eine Begeisterung, wie man sie selten erlebt. Ein Riesenerfolg nicht nur für Adam Fischer, Stefan Zenkl und das Staatsorchester, sondern auch für die Mahler-Festtage insgesamt.

Von Werner Fritsch

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