Heute vor 25 Jahren starb der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll - Neues Interesse

Der gute Mensch von Köln

Moralische Instanz: Heinrich Böll, der heute vor 25 Jahren 67-jährig in Langenbroich (Eifel) starb. Foto: dpa

Anfang der 70er-Jahre war er eine der beherrschenden Gestalten der deutschen Nachkriegsliteratur: Heinrich Böll, der 1972 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Heute vor 25 Jahren starb der 1917 in Köln geborene Romanautor, dessen Werke in viele Sprachen übersetzt und auch häufig verfilmt wurden.

Wie kaum ein anderer seiner Kollegen in der „Gruppe 47“ hatte er die Erlebnisse und Erschütterungen der Kriegszeit und Gefangenschaft, der Zerstörung der Städte und der Suche nach dem Neubeginn in seinen Werken verarbeitet. Aber er gehörte auch zu denen, die sich einmischen und Kritik üben an politischen Verhältnissen und Zuständen, vor allem an der Verarbeitung der jüngsten Vergangenheit.

Dadurch machte er sich nicht nur Freunde. Eine Kampagne stellte ihn, der sich mit den moralischen Wurzeln des 68er-Protests auch in seinen extremen Ausformungen befasst hatte, als Sympathisanten der RAF hin, was ihm sogar eine Hausdurchsuchung einbrachte. Konkret eingesetzt hat sich Heinrich Böll, insbesondere als Präsident des Internationalen PEN, jedoch stets für Dissidenten wie Lew Kopelew und Alexander Solschenizyn, die er in sein Haus aufnahm.

Nach seinem Tod erlosch das Interesse an Bölls Werk. Sein vom Realismus geprägter Stil war nicht mehr gefragt, wegen seines Engagements wurde er mitunter belächelt als „der gute Mensch von Köln“. Aber durch die teils brillanten Verfilmungen wichtiger Romane geriet er nie ganz in Vergessenheit. Zu ihnen gehören „Das Brot der frühen Jahre“ (1961, fünf Bundesfilmpreise), „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ (1963), „Billard um halb zehn (1965, Regie: Jean-Marie Straub), „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ (1969), „Ende einer Dienstfahrt“ (1971), „Haus ohne Hüter“ (1974, Fernsehfilm, ZDF), oder „Ansichten eines Clowns“ (1975, mit Hanna Schygulla).

1974 erschien Bölls bekanntestes Werk, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, ein kritischer Beitrag zur Gewaltdebatte. Es wurde in über 30 Sprachen übersetzt, erzielte eine Millionenauflage und wurde von Volker Schlöndorff verfilmt. Ähnliches gilt für den Roman „Gruppenbild mit Dame“ (1977), dessen Titel sprichwörtlich wurde. Die Filmversion mit Romy Schneider wurde 1977 in Cannes uraufgeführt.

In letzter Zeit ist ein erneutes Interesse an Bölls Werk festzustellen, insbesondere in den elektronischen Medien, die ihm Themenabende widmen. Eine seit 2002 erscheinende, auf 27 Bände angelegte Gesamtausgabe bei Kiepenheuer & Witsch schreibt zudem das Werk fest. Ein schwerer Schlag für die Forschung ist der Einsturz des Kölner Stadtarchivs im März 2009, in dem der Nachlass Bölls aufbewahrt wurde - nur ein kleiner Teil blieb unversehrt.

Von Claudia v. Dehn

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