Rebekka Kricheldorfs „Robert Redfords Hände selig“ als großartige Uraufführung am Kasseler Staatstheater

Gutmenschen, enthemmt

Begegnung im Steppen-Camp: Alina Rank (Julia, von links), Björn Bonn (Gero), Eva-Maria Keller (Alice) und Matthias Winde (Ben). Foto:  Klinger

Kassel. Zwei Frauen, zwei Männer - und alle grinsen. Bei Julia ist es schadenfreudiger Triumph nach geglückten Seitenhieben, bei Alice hängt das Lächeln wie festgetackert im Gesicht. Ben drückt aus Zynismus die Mundwinkel hoch und Gero tarnt Verachtung mit feinem Lippenzittern.

Vier Menschen, vier Dramen. Autorin Rebekka Kricheldorf schickt in „Robert Redfords Hände selig“, ihrer dritten Auftragsarbeit für das Kasseler Staatstheater, ein älteres und ein junges Paar in ein namibisches Wüstencamp und lässt Geschlechterkonzepte, Rassismus, Vorurteile, Beziehungsgeheimnisse und alkoholbedingte Enthemmung aufeinanderkrachen. Die Uraufführung in der Regie von Schirin Khodadadian am Sonntag im tif wurde mit Jubel und Füßetrampeln belohnt.

Ansgar Silies (auch Musik) hat einen leeren, bröckelnden Pool auf die Bühne gebaut, in dem auf Sand und Pflanzengestrüpp das Zelt der Rentner Alice und Ben steht. Wenn Radio Kudu Gospels dudelt, trällert Alice mit und ackert sich in ein kurzes Euphoriehoch hinein, das die innere Traurigkeit über den schwulen Sohn überdecken soll. Eva-Maria Keller gibt als Alice alles, sie schreit, weint, zitiert Weisheiten aus der Apothekenumschau und stopft sich Plastikbecher mit Strohhalmen ins Dekolleté, damit ihr Ben bei einem bizarren Erotik-Tanz daraus trinken soll.

Matthias Winde baut dem mit augenrollendem Zynismus einen Panzer aus Verachtung. Wie sehr der selbstironische Ben seine Alice aber doch liebt, schimmert in kleinen Fürsorglichkeitsanfällen durch.

Mitten in die ritualisierten Gänge der beiden zur Bar für den stetigen Promillenachschub platzen Julia und Gero, unterwegs als Aids-Aufklärer, deren Naivität, (anfängliche) Verliebtheit und feministischen Sprüche für die abgebrühten Alten ein gefundenes Fressen sind. Alina Ranks Julia ist eine schnippische höhere Tochter, die im Outdoorlook auf Selbstfindungstrip geht (Kostüme: Ulrike Obermüller), und Björn Bonn gibt dem von allen verlachten politisch-korrekten Klugschwätzer Gero viel Würde.

Die grandiose, sehr eng gewebte Textvorlage mit ihren genauen Beobachtungen aus dem Gutmenschentum wird von Schirin Khodadadian in einer einzigen, großen Energieentladung auf die Bühne gebracht: Schnell, mit Mut zur Lautstärke und zum Slapstick, wenn sie die Figuren mit widerspenstigen Klappstühlen oder den Kunstgeranien kämpfen lässt, die fürs Biedermeierlich-Deutsche stehen, das trotz aller Steppen-Exotik nicht aus den Gemütern radierbar ist.

Das Abgründige liegt wie in dem ähnlich aufgebauten Klassiker „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ nah am Komischen - allerdings hätten hier die dunklen Momente neben den grellen noch etwas mehr Raum bekommen können.

Immer wieder sprechen die vier wie in eine Kamera direkt ins Publikum, als ob sie Verbündete suchten. So erzeugt Khodadadian zusätzliche Momente der Irritation im Parkett, lässt sekundenweise Fiktion und Realität verschwimmen wie im flirrenden Himmel über der Steppe.

Wieder am 8., 15.10., tif, Theater im Fridericianum, Karten: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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