Mit melancholischem Techno, der wie Pop klingt, stürmt das famose Berliner Trio Moderat die Charts

Sie haben viel mehr als nur Bass

Supergroup der Elektronik-Szene: Sebastian Szary (von links), Sascha Ring alias Apparat und Gernot Bronsert. Foto: Heine

Als wir einmal mit dem Berliner Musiker Sascha Ring zum Telefon-Interview verabredet waren, rief er vier Stunden zu spät an. Der 34-Jährige, der sich als Elektronik-Tüftler Apparat nennt, entschuldigte sich und sagte, dass er mit dem Motorrad über brandenburgische Alleen gefahren sei. Wir konnten ihm nicht böse sein, denn Ring ist sympathisch und sieht laut einem Kritiker auch noch aus wie „ein junger Beethoven“.

Wir ahnen aber, wie schwer die Aufnahmen für das zweite Album seines Projekts Moderat gewesen sein müssen, das er mit dem ebenfalls in der Hauptstadt angesiedelten Techno-Duo Modeselektor bildet. Zehn Jahre seien Ring alias Apparat sowie Sebastian Szary und Gernot Bronsert in dieser Zeit gealtert, heißt es. „Wir haben völlig verschiedene Lebensmodelle“, sagt Bronsert. Er und Szary seien bodenständig und am liebsten bei ihren Familien, während der Single Ring ein Jetset-Mensch sei und vor allem nachts arbeite.

Es ist also ein kleines Wunder, dass das zweite Album „II“ so organisch und unglaublich schön geworden ist. Wieder hört man die fetten Basslinien, für die Modeselektor bekannt sind und die wie eine Naturgewalt über den Hörer hereinbrechen. Die holprigen Beats klingen nach Dubstep und anderen Londoner Spielarten, aber über allem schweben Rings warme Stimme und eine melancholische Ambient-Atmosphäre.

Stücke wie das poppige „Bad Kingdom“ und das soulige „Let In The Light“ sind deutlich mehr Song als Track. Es ist moderner Techno für den Morgen nach einer durchtanzten Nacht oder für Menschen, die lieber gleich zu Hause bleiben. Die Musik ist vielschichtig und doch eingängig, weshalb es nicht verwundert, dass „II“ gleich in die Top Ten der Charts eingestiegen ist.

Ihre Wurzeln hat die Supergroup der Elektronik-Szene in der DDR, wo alle drei aufgewachsen sind. Ring, der im vorigen Sommer als Apparat im Kasseler Kulturzelt auftrat, stammt aus dem Harz. Wie seine beiden Moderat-Kollegen tourte er schon mit Stars wie Radiohead. Nun könnten die drei selbst zu Stars werden, was ihnen aber wohl egal ist.

Modeselektor hätten nach Los Angeles oder New York ziehen können, wo sie Musiker kennen, die eine Million nach der anderen verdienen, wie sie einmal sagten, aber: „Glück kann man nun mal nicht kaufen.“ Das stimmt nicht ganz, denn dieses Album kann einem beim Glücklichwerden helfen.

Moderat: II (Monkeytown). Wertung: !!!!!

Von Matthias Lohr

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