Händel-Festspiele: „Joseph and his Brethren“ riss vom Hocker

Laurence Cummings

Göttingen. Georg Friedrich Händels „Joseph and his Brethren“ hat eine zwiespältige Aufführungsgeschichte: Händels Zeitgenossen priesen das Oratorium als „super-excellent“, neuere Stimmen lehnten es hingegen als Missgriff ab.

Die Wahrheit dürfte in der Mitte liegen, wie die Aufführung bei den Göttinger Händel-Festspielen zeigte. Dort war „Joseph und seine Brüder“ zuletzt 1969 dargeboten worden.

Missgriffe sind generell nicht Händels Sache, eher enttäuscht gelegentlich eine Routine auf hohem Niveau. Inspirierte Momente gibt es freilich auch hier. Zum Beispiel Josephs Arie „The peasant tastes the sweet of life“. Volksmusikalische Anklänge (lydische Tonleiter!) malen das sorglose Landleben, bis im Mittelteil rasante Koloraturen die „lärmenden Freuden der Macht“ bloßstellen.

Tim Mead (Joseph) wurde beiden Tonfällen bestens gerecht - und erwies sich mit strahlend-geschmeidigem Countertenor als Solist des Abends. Fordernde Aufgaben, etwa die bravouröse Arie „Prophetic raptures swell my breast“, sieht die Sopranpartie der Asenath vor. Elizabeth Watts hatte manchmal fast zu viel Druck auf der Stimme.

Angenehm in seiner lyrischen Wärme klang der Tenor von Robert Sellier, imposant war die Altistin Hilary Summers. Neben dem kraftvollen Bariton von George Humphreys hörte man auch einen Knabensopran, und zwar den jungen Göttinger Michael Strik als Benjamin.

Festspielleiter Laurence Cummings bürgte für hohe Präzision. Vom Cembalo aus modellierte er mit eleganten Gesten den Klang des ausgezeichneten Festspielorchesters, und vor den Chorsätzen riss es ihn vom Hocker.

Der NDR-Chor, besonders markant in den Männerstimmen, kostete Händels unnachahmliche Chorkunst prächtig aus - insgesamt haben die Chöre eine geringere Rolle als in anderen Oratorien. Das finale „Alleluja“ hat Händel, auch ökonomisch schlau, aus seinem Dettinger Anthem übernommen. Danach brandete viel Beifall in der ausverkauften Stadthalle auf.

Von Georg Pepl

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