Glanzvolle Premiere der Oper „Tamerlano“ zum Auftakt der Göttinger Händel-Festspiele

Mit Händel schöner hassen

Versöhnung, leider nur erträumt: (von links) Tamerlano (Christopher Ainslee) reicht in der Fantasie von Andronico (Clint van der Linde) dem gefangenen Bajazet (Thomas Cooley) die Hand. Foto: da Silva

Göttingen. Wer die Oper „Tamerlano“ in der Inszenierung der Göttinger Händel-Festspiele erlebt hat, kann keinen Zweifel mehr haben: Hass ist die stärkste Emotion, zu der Menschen fähig sind. Die Liebe ist dagegen ein laues Lüftchen.

In der an großen Hassern wahrlich nicht armen Operngeschichte markiert Bajazet, der gefangene osmanische Herrscher, einen frühen Höhepunkt. Sein Hass gegen den Tatarenfürsten Tamerlano wächst ins Grenzenlose, als dieser Bajazets ebenfalls gefangen gehaltene Tochter Asteria heiraten will. Das Problem: Durch diesen spontanen Entschluss kippt Tamerlano auch andere Heiratspläne und bringt selbst seine Freunde gegen sich auf.

Die schwedische Regisseurin Johanna Garpe setzt diese von extremen Gefühlsausschlägen beherrschte Handlung virtuos in Szene. Geschickt spielt sie mit aktuellen Assoziationen, wenn der als Muslim gekleidete Bajazet und die gehorsam Kopftuch tragende Asteria (Kostüme: Erika Landertinger) ihre ohnmächtige Wut mit Rachefantasien betäuben.

Gleichwohl hält Garpe Komik und Dramatik in der Waage. Gegen den massiven Zorn setzt sie immer wieder ironische Brechungen - etwa in Gestalt des Vertrauten Leone mit seiner eitlen Fotografiersucht. Umso brutaler bricht dann die Gewalt in die Szene ein, etwa wenn Bajazet - dem Opfer, das nur zu gern Täter wäre - als Zeichen der Demütigung der Bart abrasiert wird.

Die um dieses Zentralgestirn des Hasses kreisenden Figuren zeigen abwechselnd lichte wie dunkle Seiten. Garpe findet dafür eindrucksvolle Bilder: Eingefrorene Szenen, Zeitlupenbewegungen und Traumsequenzen spiegeln die ambivalenten Gefühle der Personen im sparsam möblierten Bühnenraum (Bühne Martin Kukulies).

Eine Idealbesetzung als Bajazet ist Thomas Cooley - ein Zornesbündel mit harter, baritonaler Tenorfärbung. Mit der Profilierung dieses Stimmfachs betrat Händel übrigens Neuland.

Traditionell dem Kastratenfach zugehörig blieb der eigentliche Held - Tamerlano. Der Altus Christopher Ainslee singt die Partie mit metallischem Timbre und - in seiner Wutarie - mit fantastischer Koloratursicherheit.

Die Krone für Wohlklang, stimmliche Feinarbeit und Höhensicherheit gebührt aber dem Altus Clint van der Linde als Andronico - Freund Tamelans und Verlobter Asterias. Kristina Hansson als Asteria spielt vor allem in den ruhigen Arien ihre leuchtenden Sopranfarben aus. Franziska Gottwald (Irene, Alt) und Lars Arvidsson (Leone, Bass) runden das Spektrum nach unten ab.

Nicholas McGegan und das Festspielorchester sind einmal mehr das agile und emotional vibrierende Kraftzentrum. Es gibt schöne Bläserfarben (darunter Blockflöten und Chalumeaux), doch fehlt es mitunter an der gewohnten Präzision.

Jubelnder Beifall im ausverkauften Deutschen Theater nach einem Abend, der - für Händel untypisch - die Figuren nach Bajazets Freitod verängstigt zurücklässt und dem Publikum das Happy End vorenthält.

Wieder am 17., 22., 23. und 25. Mai, Karten unter Tel. 01805/ 44 70 777.

Von Werner Fritsch

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