Deutsche Erstaufführung am Kasseler Staatstheater: „Le Passé / Das Vergangene“

Haftkraft der Gefühle

Nachdenklichkeit: oben von links Lilli Ansorge (Lea), Elias Birkhahn (Fouad), Jürgen Wink (Shahryar) und Artur Spannagel (Samir), unten v. l.: Antonia Bockelmann (Lucie), Alina Rank (Naima), Christina Weiser (Marie-Anne) und Christian Ehrich (Ahmad). Foto:  Klinger

Kassel. Erwachsenwerden heißt auch, zu begreifen, dass es in Beziehungen nicht nur zwei Zustände gibt – zusammen oder getrennt – , sondern viele Nuancen dazwischen. In dieser Erkenntnisphase ist Teenager Lucie. Ihre Wut und Traurigkeit, beide für dieses Alter prägend (und von Antonia Bockelmann schön nuanciert gespielt), werden zum Klärungsfilter für das Gefühls-Wirrwarr der Erwachsenen.

Ein vielschichtiges Beziehungsdrama mit Krimi-Elementen hat der iranische Regisseur Asghar Farhadi 2013 großartig verfilmt, Thomas Bockelmann inszeniert „Le Passé / Das Vergangene“ nun fürs Theater. Die deutsche Erstaufführung wurde im Kasseler Schauspielhaus am Donnerstag freundlich beklatscht.

Lucies Mutter Marie (Christina Weiser) ist mit ihrem Ex-Mann Ahmad (Christian Ehrich) emotional immer noch eng verbunden. Auch Maries Partner Samir (Artur Spannagel) ist gefühlsmäßig zerrissen. Er ist noch verheiratet mit einer Frau, die im Koma liegt. Wie ist es zu ihrem Selbstmordversuch gekommen? Mit Ahmads Rückkehr aus Teheran nach Paris zu Maries Patchworkfamilie wird die Handlung angestoßen. Sein Blick von außen hilft, Gemütslagen zu sortieren – und auch Konflikte zu eskalieren.

Trotz der existenziellen Themen zwischen Schuld und Vergangenheitsbewältigung und der Kammerspiel-Konstellation bleiben die 100 Aufführungsminuten überraschend flach, wirken eher wie eine Soap-Opera aus dem Vorabend-TV. Die Wucht des Stoffs wird in dem langweilig formulierten und viel zu ungestalteten Textkörper von Susanne Felicitas Wolf wegbanalisiert.

Das hat auch gravierende Auswirkungen auf die Darsteller: Großartige Bühnenkünstler wie Christina Weiser, Christian Ehrich, Artur Spannagel, Alina Rank (als Samirs Angestellte Naima) und Jürgen Wink (als Restaurantbesitzer Shahryar) sind hier immer wieder unterfordert, können aus den dünnen Charakterzeichnungen wenig herausholen. Das, was sie machen, machen sie aber gut. Ein Extralob geht an die wunderbaren Kinderdarsteller Lilli Ansorge als Lea und Elias Birkhahn als Fouad.

Das Geschehen entwickelt sich auf einer überzeugenden Bühne: Etienne Pluss hat einen weißen Würfel mit vier leeren Räumen gebaut, die verschiedene Begegnungskonstellationen ermöglichen.

Hierzu passt auch der Kniff, aus dem Dialog immer wieder in den Erzählton zu wechseln („Am nächsten Morgen...“), und damit aus dem Handeln in eine Beobachterposition.

Inszenatorisch hätte dieses kollektive Bemühen, das Geschehen wie in einem Rückblick festzuhalten, aber mehr ausgearbeitet werden können.

Es wird im Laufe des Abends immer deutlicher, dass die Beziehungsgeschichte in ihrem Kern nichts mit dem Thema Zuwanderung und kulturelle Unterschiedlichkeit zu tun hat, auch wenn es hier einen iranischen Hintergrund gibt. Der Film hat da ein hohes Maß an Selbstverständlichkeit, die Migrationssituation läuft einfach so mit.

Dazu passt die visuelle Abstraktion der Inszenierung. Wenn aber nun auf der fast leeren Bühne Lebensweisheiten auf Farsi deklamiert, auf Farsi Verabschiedungen gesprochen werden, entsteht eine ausgestellte Folklorehaftigkeit, die zum Tragödienstoff nicht passt und für die Story eigentlich nicht nötig ist.

Wieder am 11., 18., 24.10., Karten: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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