Vom Hainbund bis zu Beuys’ „7000 Eichen“: Eine Kulturgeschichte des Waldes

Um zu verstehen, wie die Deutschen an ihrem Wald hängen, reicht ein Blick ins Zeitungsarchiv. 1982 titelte die „Süddeutsche Zeitung“ beispielsweise: "Der deutsche Wald stirbt. Wissenschaftler zweifeln, ob auch nur fünf Jahre Zeit bleiben, das zu verhindern."

Obwohl der deutsche Begriff „Waldsterben“ unübersetzt in zahlreiche andere Sprachen Eingang gefunden hat und der Waldzustandsbericht jedes Jahr von sauren Böden berichtet, muss man heute, im Internationalen Jahr der Wälder, feststellen: Der deutsche Wald ist nicht gestorben.

Wäre der Wald ein Mensch, könnte man sagen, dass er gerade seinen x-ten Frühling erlebt. Die Unesco hat in diesem Sommer fünf deutsche Buchenwälder zum Weltnaturerbe erklärt, darunter knapp ein Viertel des 6000 Hektar großen Nationalparks Kellerwald-Edersee. Er steht jetzt in einer Reihe mit dem Grand Canyon in den USA und dem Großen Barriereriff vor der Küste Australien.

Bei aller Begeisterung darüber gerät leicht in Vergessenheit, dass dieses Stück Natur vor allem auch Kultur ist, wie Detlev Arens in seinem reichhaltigen und opulent bebilderten Band „Der deutsche Wald“ erläutert. Denn ohne Menschen gäbe es in Deutschland wohl nichts anderes als Wald.

„Schaurig und abscheulich“

Wahrscheinlich sähe man den Wald vor lauter Bäumen nicht und käme zum gleichen Schluss wie der römische Historiker Tacitus, der in seiner Schrift „Germania“ im 1. Jahrhundert nach Christus urteilte: Das Land „ist im Allgemeinen entweder von schaurigen Wäldern oder abscheulichen Sümpfen bedeckt“.

Die „Germania“ wurde einst im Kloster Hersfeld entdeckt, und auch sonst führt Arens’ Kapitel durch die Kulturgeschichte oft in unsere Region.

• Die Studenten des Göttinger Hainbundes um den späteren Dichter und Homer-Übersetzer Johann Heinrich Voß verbanden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Naturnähe mit Freiheitsliebe. Zugleich galt der Wald als Symbol eines neuen Patriotismus. Vorbild der Göttinger war der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock, der schrieb: „O Vaterland! O Vaterland! / Du gleichst der dicksten, schattigsten Eichel / Im innersten Hain, / der höchsten, ältesten, heiligsten Eichel.“

• Die Märchenhelden der Brüder Grimm sind meist im Wald zu Hause. Gleich 96 der 200 gesammelten Geschichten der siebten Auflage weisen einen Waldbezug auf. Und Jacob Grimm sah mit der Natur auch die Poesie bedroht: „Die großen, viel Tage langen Wälder sind ausgehauen worden, und das ganze Land ist mehr und mehr in Wege, Canäle und Ackerfurchen geteilt - warum sollte die epische Poesie allein können geblieben sein?“

• Die größte Waldkunstaktion ist schließlich Joseph Beuys’ Projekt „7000 Eichen“ zur documenta 7 mit dem programmatischen Titel „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“. Die Bäume, befand Beuys, tun nicht nur der Stadt gut: „Bäume sind wichtig, um die menschliche Seele zu retten.“ Dazu muss der Mensch den Wald aber weiter vor dem Tod bewahren.

Detlev Arens: Der deutsche Wald. Fackelträger Verlag, 416 Seiten, 39,95 Euro.

Wertung: vier von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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