Interview: Der Kabarettist Fatih Cevikkollu über Integration und die Ohnmacht bei der Wohnungssuche

„Hallo, geht’s noch, Herr Seehofer?“

Fatih Cevikkollu hat eine seltene Gabe für einen Kabarettisten: Der Kölner bringt die Zuschauer nicht nur zum Lachen, sondern „wirkt in deren Köpfen weit über den Abend hinaus“, wie ein Kritiker urteilte. Am 27. November gastiert Cevikkollu mit seinem neuen Programm „Komm zu Fatih“ im Vellmarer Piazza. Wir sprachen mit dem 38-Jährigen.

Herr Cevikkollu, nachträglich noch alles Gute zum Geburtstag.

Fatih Cevikkollu: Wieso?

Laut Wikipedia sind Sie am 6. November 38 geworden.

Cevikkollu: Sie dürfen nicht alles glauben, was im Internet steht. Als ich vor einigen Jahren am 6. November einen Auftritt hatte, sangen die Zuschauer „Happy Birthday“. Ich war ganz überrascht und sagte: „Ist ja süß von euch, Freunde, aber ihr seid einige Monate zu früh.“

Sie gelten als einer der besten Analytiker deutsch-türkischer Befindlichkeiten. Wieso haben wir Sie noch nicht bei Anne Will oder Frank Plasberg zum Thema Integration gesehen?

Cevikkollu: Weil Sie nicht aufgepasst haben. Ich war schon bei „hart aber fair.“

Entschuldigen Sie, ich sollte mich besser vorbereiten. Es ist aber richtig, dass Sie kein Dauergast in den Talkshows sind. Haben Sie überhaupt noch Lust, zu dem Thema etwas zu sagen?

Cevikkollu: Ich werde wegen meiner Biografie immer zur Integration gefragt werden. Zu dem Thema kann jeder Penner was sagen. Manche Penner schreiben sogar ein Buch, und andere Penner kaufen es noch.

Sie meinen Thilo Sarrazin?

Cevikkollu: Das haben Sie gesagt. Gut an der aktuellen Debatte ist, dass jetzt über jahrelange Versäumnisse geredet wird. Weniger gut sind manche Beiträge wie der von CSU-Chef Horst Seehofer. Der fordert einen Zuwanderungsstopp für Türken und Araber, während alle Statistiken sagen, dass mehr Menschen das Land verlassen als reinkommen. Da denk ich mir: Hallo, geht’s noch? Übrigens: Was haben Teile des Islam und Seehofer gemeinsam? Die Vielweiberei.

Der war gut. Wie oft haben Sie das Wort Kümmeltürke gehört in Ihrem Leben?

Cevikkollu: Keine Ahnung. Aber vor zwei Jahren habe ich eine Wohnung gesucht. Ich rief unter der Nummer einer Anzeige an und wollte wissen, ob sie noch zu haben sei. Erst einmal wurde ich aber gefragt, wie ich heiße. Als ich sagte „Cevikkollu“, hieß es: „Nein, die Wohnung ist schon weg.“

Was denkt man da?

Cevikkollu: Man fühlt sich ohnmächtig. Deshalb hatte ich mich sehr gefreut, als Christian Wulff sagte, der Islam gehöre zu Deutschland. Zum ersten Mal gab es ein Signal, das den Muslimen sagt: „Ihr seid kein Geschwür, sondern ein Teil von uns.“ Aber schon am nächsten Tag fragten Schlagzeilen: „Warum hofieren Sie den Islam, Herr Wulff?“ Das sind keine einladenden Botschaften.

Sie sind eigentlich Schauspieler. Wieso sind Sie auf die Kabarettbühne gewechselt?

Cevikkollu: Ich habe das Theater als Maschine kennen- gelernt. Zeitweise habe ich an acht Stücken gleichzeitig gearbeitet. Da fühlt man sich wie ein Rädchen. Ständig werden die Klassiker so zurechtgebogen, dass sie aktuelle Bezüge haben. Ich wollte aber über Deutschland reden, wie es ist. Jetzt erzähle meine eigenen Geschichten.

Fatih Cevikkollu, „Komm zu Fatih!“, Samstag, 27. November, 20 Uhr, Piazza Vellmar. Tickets unter 0561/203-204 und 0561/8617-893

Von Matthias Lohr

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