"Ich finde es nicht politisch, menschlich zu sein"

Clueso: "Mein neues Album wird sich weniger verkaufen"

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Unterwegs: Pop-Liedermacher Clueso. 

Für manche ist Clueso der deutsche Jack Johnson. Der Erfurter Singer/Songwriter ist Stammgast in den Charts. Hier erklärt er, warum sein neues Album "Handgepäck I" vielleicht ein Misserfolg wird.

Einen Neuanfang wagte Clueso mit seinem gleichnamigen Album 2016. Dabei hört sich sein heute erscheinendes Album „Handgepäck I“ viel mehr nach einem musikalischen Neuanfang an – ist es aber auch nicht.

Denn drauf versammelt hat der Popmusiker Songs, die er in den vergangenen Jahren auf seinen Reisen und Touren schrieb. Es sind ruhige, nachdenkliche Stücke, die mehr nach Liedermacher als nach Pop-Singer/Songwriter klingen. Da Clueso die Lieder bislang aber noch nicht veröffentlicht hat, sind sie eben doch auch neu. Wir haben mit Clueso, der eigentlich Thomas Hübner heißt, über seine neue alte Musik gesprochen.

Clueso, auf einem der Fotos zum neuen Album sind Sie im Bus unterwegs. Wann sind Sie zuletzt Linienbus gefahren?

Clueso: Mit Bus bin ich zuletzt vor einem Jahr in Addis Abeba gefahren. In Erfurt bin ich regelmäßig mit der Straßenbahn unterwegs. Da ich keinen Führerschein habe, fahre ich meistens mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Hätten die Songs auf „Handgepäck“ nicht eigentlich „Neuanfang“ heißen müssen?

Clueso: Es ist der Aufbruch zu einer Serie: „Handgepäck I“, weil da Sachen drauf sind, die auf Reisen wirklich so passiert sind. Das sind Skizzen, die ich schon immer gemacht, aber noch nie rausgehauen habe. Die Songs sind auch deshalb etwas ruhiger, weil ich sie nicht aufgepumpt habe. Wie das Polaroid auf dem Klaus nur zur Hälfte drauf ist – aber der Moment ist da.

Warum packen Sie Ihr Handgepäck jetzt aus?

Clueso: Es waren jetzt so viele Songs, dass ich dachte, ich mache das Album jetzt fertig. In der jetzigen Zeit, in der alle Alben immer kürzer und die Musik immer lauter wird, mache ich ein langes und leises Album. Leise ist das neue Laut.

Im Song „Aufbruch“ geht es um einen schönen Moment, den man auf Reisen mit jemandem teilen möchte. Ist Heimweh Ihr treuer Begleiter?

Clueso: Es gibt Heimwehmomente, aber der Streuner in mir frisst das Heimweh auf. Nach einer Tour komme ich super gerne nach Hause – aber bleibe nicht länger als ein paar Wochen, um dann wieder die Welt zu sehen, so lange es noch geht. Die meisten Leute in meinem Alter haben Familie, dann geht Reisen erst mal nicht mehr.

Familie - der nächste Neuanfang?

Clueso: Ich möchte irgendwann eine Familie haben und muss mich mit dem Gedanken befassen, sonst ist es zu spät – ich werde in zwei Jahren 40.

Wie wichtig ist es, „den Erfolg aus der Ferne anzuschauen“, wie Sie in „Wüste“ singen?

Clueso: Schön, dass Ihnen das aufgefallen ist, das bringt „Handgepäck“ auf den Punkt. Ich produziere hier ein Album, dass sich weniger verkaufen wird und vielleicht auch als Misserfolg ausgelegt wird – von den Verkaufszahlen. Das ist mir egal, weil ich so Bock darauf habe. Es ist ein Liebhaberstück. Ich glaube nicht, dass es „Landstreicher“ oder „Stein“ ins Radio schaffen.

„Du und ich“ haben Sie öfter live gespielt, erst jetzt landet der Song auf einem Album.

Clueso: Ich glaube, den wollte ich mir aufheben. Das ist wie mit gutem Essen, das man sich an den Rand des Tellers legt und sagt: Finger weg, ich esse das noch.

Vor 20 Jahren erschien ihr erstes Album „Text und Ton“. Können Sie manche Ihrer Songs nicht mehr hören?

Clueso: Nein, aber die, die ich nicht mochte, spiele ich nicht. Bei acht Alben hat man die Möglichkeit, Songs zuhause zu lassen. Mit den Hits habe ich kein Problem, „Zusammen“ mit den Fantas spiele ich live. Ich habe Bock die Leute zu entladen und nicht den Erziehungsauftrag, nur Avantgardesachen zu machen. Ich mache Popmusik – „Chicago“ finde ich toll. Und: Alle Leute die lange durchhalten, sind auch irgendwie schlau. Sie wissen, was sie tun. Ich kenne keinen, der lange dabei ist und doof ist. Die Doofen sind alle weg.

Wenn es nur so wäre.

Clueso: Es kommen halt immer Neue nach. Manchmal staune ich über Klickzahlen. 

Das mit dem „Zusammen“-Gefühl ist ja gerade so eine Sache in Deutschland.

Clueso: Das ist wie bei „Du und ich“: Was wissen wir, du und ich, über sie und ihn? Vorgefertigte Bilder, die wir im Sündenbocksystem drüberstülpen. Das ist in unserem Land bescheuert. Ich frage mich, warum man sich nicht auf Politiker stürzt, die sagen, sie sind 69 Jahre geworden und es sind 69 Leute abgeschoben worden. Da frage ich mich, warum die nicht sofort aufhören müssen. Das zeigt, wo wir schon stehen.

Also doch ein Erziehungsauftrag als Popmusiker?

Clueso: Sich einzusetzen ist wichtig. Ich finde es nicht politisch, menschlich zu sein. Menschlichkeit sollte zur Politik werden.

„Zimmer 102“ soll auf der Tour mit Udo Lindenberg entstanden sein. Auf Lindenberg-Touren soll es hoch hergehen. 

Clueso: (lacht) Ich dachte, ich bin bei Kapitän Jack Sparrow auf der Black Pearl und es kann nicht die Realität sein, aber sie war es doch. Man kommt da an und denkt, ist da wirklich gerade ein Liliputaner reingelaufen, der mich gefragt hat, ob ich ihn kenne – er sei mal der Minister für Kleinigkeiten gewesen. Die Show ist ein irrer Wahnsinn. So etwas kenne ich nur von Udo Lindenberg. Ich habe viel mit ihm abgehangen und gedacht, ich möchte mir viel abgucken, denn auf den meisten Scheiß kommt man einfach nicht.

Clueso: Handgepäck I (Vertigo Berlin/Universal Music) Wertung: vier von fünf Sternen

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