Ausstellung zu Kunst und Design aus der Smartphone-Welt im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt

Wie das Handy die Kultur prägt

Leuchtende Handydisplays als Teil einer Inszenierung: Konzert der Band Kraftwerk in der Fotoarbeit „Kraftwerk Autobahn 2013“ von Peter Boettcher. Foto: Boettcher

Frankfurt. Das Handy ist wie ein Nordpol. Alle Orientierungsnadeln unseres vernetzten Lebens sind darauf ausgerichtet. Das unsere ständige Aufmerksamkeit fordernde und unsere Körperhaltung verändernde Gerät prägt unsere Kommunikation, unseren Konsum, unsere Arbeit. Für das dominante Objekt unseres Alltagslebens ist eine Fülle von neuen Produkten entstanden, Künstler und Designer beschäftigen sich damit.

Das Museum Angewandte Kunst (MAK) in Frankfurt macht in einer großen Ausstellung eine Bestandsaufnahme. Trotz des gewollt verrätselten Titels „Hamster Hipster Handy – Im Bann des Mobiltelefons“ und der arg pompösen Ausstellungstexte lassen sich in den weitläufigen Räumen viele witzige und spannende (Kunst-)Entdeckungen machen.

„Hamster“ steht dabei für negative Aspekte wie Ressourcenausbeutung, früher wurden Handystrahlen an Nagern gemessen. „Hipster“ steht für den coolen Nutzer.

Lustige Design-Funde wie eine Handy-Biografie vom schuhkartongroßen Klotz zur cleanen Glasoberfläche oder ein Frisörumhang mit durchsichtigem Einsatz zum Surfen während des Haarschnitts bieten ebenso viel Gesprächsstoff wie das erste Handyspiel „Snake“, das auf Nokia-Geräten der 90er lief und hier in seiner rührenden Einfachheit neu entdeckt werden kann.

Mit der vom Handy neu gezogenen Grenze zwischen öffentlich und privat beschäftigt sich ein Video von Stefan Constantinescu, wo in acht Minuten Busfahrt ein Mann in einem Telefonat mit einer Frau immer bedrohender und ausfallender wird – die Dame auf dem Platz neben ihm schaut geflissentlich aus dem Fenster und selbst der Betrachter fühlt sich unbehaglich.

Sarah Elisabeth Meyler hat in einem großartigen Film Leute aufgenommen, kurz bevor sie Selfies schießen – die grimassierenden Bewegtbilder machen deutlich, wie sehr es bei der Smartphone-Fotografie darum geht, sein Ich zu gestalten, eine Rolle auszufüllen. Ai Weiweis berühmtes Selfie vom Moment seiner Verhaftung verbindet demgegenüber eine politische Aussage mit Kunst. Florian Mehnert zeigt auf einer Tablet-Collagenwand Filme von Kameras illegal gehackter Handys – man denkt mögliche entblößende Momente schon mit.

Eine Ausstellungsabteilung zeigt Arbeiten, die nur im WLAN, auf dem eigenen Handy, betrachtbar sind; viele davon wirken aber noch wie Fingerübungen. Konkreter wird es bei Sprayer Sweza, der reale und virtuelle Welt verbindet, indem er QR-Codes an Wände klebt, mit denen frühere Graffiti sichtbar werden.

Peter Boettcher zeigt in Fotoarbeiten von Konzerten der Band Kraftwerk, wie die leuchtenden Handydisplays von fotografierenden Besuchern längst Teil der Konzertinszenierung geworden sind. Handys können Kunst werden.

Bis 5. Juli, MAK, Museumsufer Frankfurt. Internet: museumangewandtekunst.de

Von Bettina Fraschke

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