Hannes Wader: "Singen war lebensrettend für mich"

Hannes Wader

Auf seine alten Tage ist Liedermacher Hannes Wader zum Chartstürmer geworden. Auf seinem neuen Album "Sing" präsentiert sich der 72-Jährige vielseitig wie nie. Wir sprachen mit dem Kasseler.

Hannes Wader hat gerade viel zu tun. Erst ist der Kasseler Liedermacher mit seiner Frau vom Stadtteil Brasselsberg nach Harleshausen gezogen, nun erscheint sein neues Album, und dann geht es auf Tour. Auf „Sing“ präsentiert sich der 72-Jährige vielseitig - mit Blues, Folk und sogar karibischen Klängen. „Ich wollte auf dem Album Gitarrenmusik in allen möglichen Varianten hören“, sagt Wader im Interview.

Herr Wader, auf der neuen CD singen Sie von einem Mann, dem 1968 vorm Berliner Springer-Haus die Zähne ausgeschlagen wurden. Waren Sie das?

Hannes Wader: Ja, das war am Tag nach dem Attentat auf Rudi Dutschke. Ich war damals noch nicht politisch interessiert. Aber wir Musiker waren trotzdem auf Seiten Dutschkes und gegen Springer, deren Redakteure den Attentäter aufgehetzt hatten. Die „Bild“-Zeitung hat mitgeschossen. Ich bin jedenfalls mit meiner Freundin in die Kochstraße. Dort sind wir von der Polizei in die Zange genommen worden und ich bekam einen Gummiknüppel in die Schnauze.

Reden Sie heute wieder mit der „Bild“-Zeitung?

Wader: Nein, ich fürchte mich vor der „Bild“-Zeitung. Die „Bild“-Zeitung schießt auch heute noch.

Wie kommen Sie auf Ihre Themen? Angeblich schauen Sie seit Jahren kein Fernsehen.

Wader: Jetzt habe ich wieder einen Fernseher - nach 25 Jahren. Ich gucke allerdings nicht gern fern. Aufgegeben habe ich es damals nur, weil ich ein Junkie bin. Ich finde den Aus-Knopf nicht. Es kam vor, dass ich abends um acht mit der „Tagesschau“ angefangen und morgens um neun immer noch gezappt habe. Ich bin ein suchtgefährdeter Mensch.

Haben Sie die Sucht im Griff?

Wader: Das weiß ich nicht. Es kommt schon mal vor, dass ich abends wieder nicht die Kurve kriege, ins Bett zu gehen. Aber wenn es zu doll wird, schmeiße ich den Fernseher wieder aus dem Fenster.

Die Themen für Ihre Lieder finden Sie also eher nicht im Fernsehen?

Wader: Ich entnehme sie der Wirklichkeit. Bertolt Brecht hat einmal gesagt, die Aufgabe eines Schriftstellers sei es, Erfahrungen mitzuteilen. Das gilt auch für Musiker. Ich erzähle von meinen Erfahrungen. Aktuell kann ich nicht sein, weil ich zu langsam bin. Wenn ich heute ein Lied über Pegida schreiben würde, wäre es nächstes Jahr Ostern fertig. Dann gibt es Pegida hoffentlich längst nicht mehr.

Als Sie den „Echo“ für Ihr Lebenswerk bekamen, sagte Ihr Freund Reinhard Mey, dass Sie erreicht hätten, „was alle Liedermacher sich auf die Fahne geschrieben haben: die Welt ein Stück besser zu machen“. Haben Sie das wirklich geschafft?

Wader: Ich denke nicht. Um das zu bestätigen, bin ich nicht selbstbewusst genug. Ich glaube aber, dass Lieder Grundstimmungen in der Bevölkerung begleiten können. Sie können ausdrücken, was viele Leute fühlen.

Und das versuchen Sie?

Wader: Man wünscht es sich, aber man darf sich nicht hinsetzen und ein Lied schreiben wollen, das die Welt verbessern soll. Man sollte einfach Erfahrungen mitteilen. Wenn die irgendwo ankommen wie eine Flaschenpost, die an den Strand gespült und geöffnet wird, ist das schon sehr viel.

Sie wünschen sich einen „Sozialismus mit neuem Schwung“. Wie soll der aussehen?

Wader: Das weiß ich auch nicht. Vielleicht sollte man eine Reichensteuer einführen. Und nicht nur die arme Bevölkerung ausbeuten. Und die Banken nicht mehr retten, sondern zugrunde gehen lassen. Auch wenn die noch so viel jammern, dass dann das Abendland zugrunde geht. Dann soll dieses Scheiß Abendland doch zugrunde gehen.

Diese Wut klingt auch aus Ihren Texten. Sind Sie auch deshalb so produktiv, weil Sie immer noch Geld verdienen müssen?

Wader: Sie haben es auf den Punkt gebracht. Schulden habe ich keine mehr. Aber wir haben gerade umgebaut. Und in der Vergangenheit habe ich so schlecht gewirtschaftet, dass ich weitermachen muss. Das ist nicht die schlechteste Motivation, andere müssen das auch. Aber natürlich mache ich es auch gern. Der Titelsong ist nicht nur so dahingesungen, er ist mein Credo. Singen war lebensrettend für mich. Ich singe jeden Tag.

Wie fühlt es sich an, auf der Bühne mit Standing Ovations gefeiert zu werden?

Wader: Mittlerweile freue ich mich darüber. Das war nicht immer so. Früher dachte ich, dass die Zuschauer nur aufstehen, weil sie nicht mehr sitzen können oder weil sie den Bus noch kriegen wollen. Eigentlich habe ich auf der Bühne nichts verloren, denn ich bin keine Rampensau.

Hannes Wader: Sing (Mercury/Universal). Wertung: vier von fünf Sternen

Hannes Wader tritt am 12. Juli beim Vellmarer Festival Sommer im Park auf. Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

www.piazza.ddticket.de

Von Matthias Lohr

Zur Person

Geboren: am 23. Juni 1942 im westfälischen Bethel Ausbildung: Lehre als Dekorateur, Grafikstudium (abgebrochen) Beruf: Arbeitete als Layouter bei „Pardon“, ehe er 1969 seine erste Platte aufnahm. Größter Erfolg: „Heute hier, morgen dort“ (1972) Privates: Der zweifache Vater lebt mit seiner Frau, einer Psychologin, in Kassel. Seine Schulden, die mehr als eine Million Euro betrugen, hat er abbezahlt.

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