Hans Eichels Buch über die Geschichte der documenta

Schlüsselwerk der d13: Pierre Huyghes Biotop „Untilled“ mit Bienenwaben in der Karlsaue.

Kaum einer weiß so viel über die documenta zu berichten wie Hans Eichel. Zum Jubiläum hat der ehemalige Kasseler Oberbürgermeister und hessische Ministerpräsident ein Buch herausgebracht.

Dass gerade Hans Eichel, ehemaliger Kasseler Oberbürgermeister und hessischer Ministerpräsident, eine Neuerscheinung zum 60. documenta-Geburtstag herausgibt, ist nicht nur des Werbeeffekts wegen verständlich.

Der 73-Jährige ist ein herausragender Kenner der documenta-Geschichte, an der er als langjähriges Aufsichtsratsmitglied selbst mitgewirkt hat, vor allem aber ist er ein überzeugter Anhänger der Weltkunstausstellung, die seine Heimatstadt geprägt und verändert hat. So überrascht sein Plädoyer, das weltumspannende documenta-Netzwerk brauche „starke, immer stärkere Wurzeln in Kassel“, nicht.

Obwohl Kassel ja sowieso eine Stadt ist, „die zu allem bereit ist“, wie Hortensia Völckers und Alexander Farenholtz (Kulturstiftung des Bundes), beide an früheren Ausstellungen beteiligt, über die documenta schreiben: „Alles, was in Deutschland eigentlich so nicht geht, in dieser Zeit wird es möglich.“

Schade ist, dass sich einige Texte der künstlerischen Leiter nicht als Originalbeiträge, sondern historische Dokumente entpuppen. Es ist spannend zu lesen, wie Manfred Schneckenburger eingesteht, dass ihm die Forderung nach einem „Konzept“ - womit jeder documenta-Leiter umgehen muss - 1974 „im Nacken saß wie ein Ochsenjoch“. Dass der Leiter der d6 und d8 noch über das „Glashaus“ auf der Karlswiese 2007 spekuliert, wie auch der Halbsatz „weil wir hier in München sind“ in seinem Vortrag, verwundert dann allerdings.

Hans Eichel

Mit d13-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev hat Verleger Klaus Siebenhaar gesprochen. Das Interview, leider nur auf Englisch, ist ein schönes Beispiel für „CCBs“ mäandernde Gedanken. Für sie selbst kristallisieren sich Zusammenbruch, Zerstörung und Trauma einerseits sowie Blühen und Gedeihen immer stärker als wichtigste Themen ihrer documenta 2012 - wie zwei Seiten einer Medaille, versinnbildlicht in Pierre Huyghes Biotop „Untilled“ in der Aue, das im Interview fälschlicherweise „Untitled“ benannt ist. Fehlerhaft auch die Bebilderung der verdienstvollen Übersicht der in Kassel verbliebenen Werke: Joseph Beuys’ „Rudel“ in der Neuen Galerie war kein documenta-Werk, sondern kam 1975 als Leihgabe in die Sammlung und wurde 1993 erworben.

„Wir meinen aber, man könnte etwas Neues versuchen“, lautet der berühmte Satz Arnold Bodes, den documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff so formuliert: „Wir müssen immer etwas Neues machen.“ Sie nennt die Ausstellung urdemokratisch, „für alle“, „volksnah“.

Dazu passt nicht, dass Adam Szymczyks Konzept „Learning from Athens“ vom Herbst 2013 nicht übersetzt wurde. So können eben leider nicht alle nachlesen, was ihn bewogen hat, seine documenta 2017 auf Athen auszuweiten.

Das Buch 

Fast 25 Beiträge versammelt „60 Jahre documenta“: E. R. Nele erinnert sich an ihren Vater Arnold Bode, Harald Kimpel stellt dessen beharrliche Vision vor, die documenta im Oktogon des Herkules stattfinden zu lassen. Es geht um den Arnold-Bode-Preis, die Künstler-Nekropole, die Vermittlung und die Rolle der Kunsthochschule, um die Perspektiven eines documenta-Instituts und die Vision, die Neue Galerie zu einem wirklichen documenta-Museum zu entwickeln. Protokolliert wurde ein erhellendes Gespräch aller künstlerischen Leiter des Fridericianums. Und Heiner Georgsdorf berichtet, dass beinahe schon einmal eine documenta im Ausland stattgefunden hätte - 1976 in Philadelphia (USA).

Hans Eichel (Hrsg.): 60 Jahre documenta. Die lokale Geschichte einer Globalisierung.

B & S Siebenhaar Verlag, 256 S., 19,80 Euro, Wertung: vier von fünf Sternen

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