Interview

„Es muss wieder krachen“: Hans W. Geißendörfer über 1500 Folgen „Lindenstraße“

Der Böse ist wieder da: Nach 22 Jahren kehrt Martin Armknecht als Robert Engel in der 1500. Folge in die „Lindenstraße“ zurück. 1990 hatte er seinen Freund Carsten Flöter geküsst– damals ein Skandal. Heute freut sich auch Marie-Luise Marjan als Mutter Beimer. Foto: wdr

Kassel. Die „Lindenstraße“ hat auch schon mal bessere Zeiten erlebt. Am Sonntag (18.50 Uhr) läuft die 1500. Folge der am 8. Dezember 1985 gestarteten ARD-Seifenoper, die einst für Skandale sorgte - wie 1990 mit dem ersten Schwulen-Kuss in einer deutschen Serie. Heute ist es schwieriger geworden, die deutsche Wirklichkeit abzubilden.

Alles ist schon mal da gewesen. Die Quoten sind in den vergangenen Jahren stetig gesunken. Erfinder Hans W. Geißendörfer ist trotzdem optimistisch. Im Interview fordert er allerdings mehr Politik statt Liebesgeschichten.

Herr Geißendörfer, zum 25. Geburtstag der „Lindenstraße“ 2010 wünschten Sie sich, die ARD solle die Sendung besser pflegen. Schätzen die Verantwortlichen den Dauerbrenner mittlerweile wieder mehr? 

Hans W. Geißendörfer: Zumindest schätzen sie uns nicht weniger als damals. Die ARD weiß, was sie an uns hat. Aber wir wissen auch, was wir an der ARD haben und sind dankbar, dass wir bis Ende 2016 erstmal weitermachen dürfen. Auch das ist eine Form von Anerkennung. Die „Lindenstraße“ ist eine Marke. Viele Marken hat das Erste nicht mehr.

Gerade hat die „Lindenstraße“ wieder für Schlagzeilen gesorgt, weil in der Serie eine Moschee gebaut werden soll, Anwohner dagegen protestieren und Rechte einen Anschlag auf das Restaurant „Akropolis“ verüben. Wie wichtig ist es in diesen Zeiten, zu zeigen, dass der Islam zu Deutschland gehört? 

Zur Person:

Geboren: am 9. April 1941 in Augsburg

Ausbildung: Germanistik- und Philosophiestudium (ohne Abschluss)

Wichtige Filme: „Zauberberg“ (1981), „Schneeland“ (2004)

Privates: Der Vater dreier Töchter lebt mit seiner Frau in London und Köln.

Sonstiges: Seine Wollmütze trägt Geißendörfer, seitdem er als Kind ständig Nasennebenhöhlenentzündungen hatte.

Geißendörfer: Sehr wichtig. Ausschlaggebend für die Wahl eines „Lindenstraßen“-Themas ist immer dessen gesellschaftliche Relevanz. Erst danach kommt der Unterhaltungswert. Für den Moscheebau haben wir uns entschieden, weil der eigentlich friedliche Islam durch die Untaten, die in seinem Namen begangen werden, sein böses Gesicht zeigt. Aber man muss keine Angst vor dem Fremden haben. Die Ausländer, die weiterhin zu uns kommen werden, haben die gleichen Bedürfnisse und Sehnsüchte wie die Deutschen. Das wollen wir zeigen.

Manche Zuschauer warfen Ihnen daraufhin politisch korrekte Oberlehrerhaftigkeit vor. 

Geißendörfer: Darauf waren wir vorbereitet. Aber wenn die Rechten gegen uns polemisieren, haben wir gute Argumente. Die kontroverse Diskussion hat uns groß gemacht. Wir sollten wieder verstärkt politisieren und nicht immer nur Liebesgeschichten erzählen. Das unterscheidet uns ja auch von anderen Serien.

Das Politische kam in den vergangenen Jahren zu kurz. 

Geißendörfer: Das stimmt. Wir waren nicht mehr so dicht an den politischen Themen. Ich wünsche mir, dass es wieder öfter kracht. Was haben wir davon, wenn alle nur noch alles abnicken?

Ich habe die Serie über ein Jahr nicht verfolgt. Als ich wieder einschaltete, kämpften die Bewohner gerade gegen eine Ameisenplage. Es hatte sich gar nicht viel geändert. Ist das ein schlechtes Zeichen? 

Geißendörfer: Lassen Sie es uns positiv sehen: Die Serie war Ihnen schnell wieder vertraut. Das ist wichtig für Aussteiger, die zu uns zurückkommen. Sie müssen Heimatgefühle entwickeln, wenn sie Frau Beimer sehen.

Im Schnitt schalten heute nur noch 2,7 Millionen Zuschauer ein. Es werden immer weniger. 

Hans W. Geißendörfer

Geißendörfer: Unsere Quote ist in den vergangenen Jahren tatsächlich zurückgegangen. Jetzt haben wir aber wieder Zuschauer dazu gewonnen. Ich finde es wichtig, die Quote zu verfolgen. Sie ist unser Maßstab. Die „Lindenstraße“ wurde entwickelt, um ein möglichst großes Publikum anzusprechen. Wir machen kein elitäres Nachtprogramm für Akademiker.

Sie haben tolle Kinofilme gemacht und waren für den Oscar nominiert. Stört es Sie, dass Sie die meisten nur mit seichter Unterhaltung verbinden? 

Geißendörfer: Nein, wenn die Leute sagen, ich sei der Papa der „Lindenstraße“, ist das ein Kompliment. In so einer Serie kann man erzählen, was man im Kino nicht erzählen kann. Hier kann eine Frau auch mal elf Monate schwanger sein. Wir haben uns ein Medium gebastelt, auf das wir stolz sein können.

Von Matthias Lohr

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