Selbst Fans in Fernost flippen aus

Hardcore-Legenden aus Kassel: Die Ryker’s melden sich zurück

Keine Angst, die wollen nur spielen: Florian Pieper (Schlagzeug, von links), Stephan Kaufmann (Gitarre), Dennis Müller (Gesang), Michael Grobe (Gitarre) und Christian Luft (Bass). Foto: nh

Kassel. In den 90ern waren die Ryker's aus Kassel Europas erfolgreichste Hardcore-Band. Nach der Wiedervereinigung 2013 meldet sich das Quintett nun mit neuem Sänger zurück. Selbst Fans in Fernost flippen aus.

Vor einem Jahr spielte eine Kasseler Band in der Nähe der indonesischen Hauptstadt Jakarta ein umjubeltes Konzert vor 13 000 Fans. Nachher gab es eine große Autogrammstunde, jeder wollte Fotos mit den Musikern machen. Es soll wie bei den Scorpions gewesen sein, sagt einer, der dabei war. So eine Begeisterung kann eigentlich nur das Pop-Duo Milky Chance entfachen, das auf der ganzen Welt erfolgreich ist. In Jakarta spielte jedoch die Hardcore-Band Ryker’s.

Das nordhessische Quintett hat schon Anfang der 90er-Jahre Musikgeschichte geschrieben. Damals waren die Ryker’s die erfolgreichste Hardcore-Band Europas. Sie verbanden ultraschnellen Punk und bretterharte Metal-Riffs, wie es vor allem New Yorker Gruppen vorgemacht hatten. Die Kasseler um Bassist Christian Luft tourten durch ausverkaufte Hallen in ganz Europa, traten im legendären Club CBGB in Manhattan auf und veröffentlichten sogar zwei Alben beim Plattenriesen Warner.

Im Jahr 2000 löste sich die Band auf. Als sich die Musiker 2013 wieder zusammentaten, war das für Hardcore-Fans, als stünden die Beatles wieder auf der Bühne. Das Album „Hard To The Core“ war das erste nach 14 Jahren und erhielt 2014 hymnische Kritiken. Dabei „sind wir da auf Nummer sicher gegangen“, wie Luft heute sagt. Die Musik ging einfach wieder voll auf die Zwölf.

Nun haben die Ryker’s „Never Meant To Last“ veröffentlicht. Auch die 14 neuen Songs haben ordentlich Druck, klingen mit ihren Rock- und Metal-Anleihen aber weniger nach Knüppel aus dem Sack. Luft (46) formuliert es so: „Wir haben alle Fesseln über Bord geworfen.“

Alter Freund ist neuer Sänger 

Zugleich haben die Ryker’s ihre Stimme verloren: Gründungsmitglied Hubertus Dittmeier alias Kid D. stieg aus - nicht im Streit, sondern einfach, um mehr Zeit für die Familie zu haben, wie Luft sagt. Hardcore-Musiker sind ja auch nur Menschen, was manche angesichts der vielen Tattoos und einer aggressiven Inszenierung oft vergessen.

Als der Ausstieg von Kid D. feststand, dachte Luft sofort an seinen alten Freund Dennis Müller. „Mit dem habe ich schon als Teenager in Kassel Singles getauscht“, sagt Luft. Mittlerweile lebt Müller in Köln und schreit nun bei den Ryker’s ins Mikro. Unterstützung bekommt er auf dem in Borgentreich bei Höxter aufgenommenen Album gleich von drei Gastsängern - unter anderem von Craig Setari von der US-Formation Sick of it All, einer der wenigen Bands des Genres, die noch größer sind. Auch das sagt einiges aus über den Stellenwert der Ryker’s.

Die machen einfach weiterhin ihr Ding und ihre Brotjobs, die nicht in der Zeitung stehen sollen. Im Hardcore gibt es keinen Personenkult, dafür aber eine Lebenseinstellung, die von Haltung zeugt und Luft so auf den Punkt bringt: „Du hast Freunde, glaubst an dich selbst und lässt dir von niemanden auf der Nase rumtanzen.“ Vielleicht sollten wir alle etwas mehr Hardcore sein.

Ryker’s: Never Meant To Last (BDHW/Soulfood).

Wertung: vier von fünf Sternen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.