Hauen und Stechen um Suhrkamp: Das Literaturjahr 2013

Ulla Unseld-Berkéwicz

Als Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff im Sommer in Kassel ihre Grimm-Professur antrat, nahm die 59-Jährige auch zum siebenjährigen Krieg bei Suhrkamp Stellung: „Ich liebe diesen Verlag, da gehöre ich hin.“

Ulla Unseld-Berkéwicz sei eine kluge Verlegerin, Minderheitengesellschafter Hans Barlach eine Katastrophe. Wenn er ans Ruder komme, „bin ich in der nächsten Sekunde weg“.

Die erbitterten Auseinandersetzungen um Suhrkamp sorgten 2013 stetig für Zündstoff. 200 Autoren schlugen sich auf die Seite der Witwe des legendären Verlegers Siegfried Unseld, die über ihre Familienstiftung mit 61 Prozent die Mehrheit hält. Sie fürchten, dass es Miteigentümer Barlach, dessen Medienholding sich 2005 eingekauft hat und 39 Prozent innehat, allein um Rendite gehe. Der Enkel des Bildhauers Ernst Barlach habe „mit Geist so viel zu tun wie eine Kuh mit der Milchstraße“, meint Autor Ralf Rothmann. Im Wirtschaftskrimi schwingt nicht nur die Sorge um das überschuldete, zahlungsunfähige Traditionshaus mit, sondern die Frage, was einen Verlag auszeichnet – ob er sich führen lässt wie eine Fabrik für Schrauben oder Schinken.

2013 hatten vor allem Anwälte zu tun. Die ruinösen Klagen, Revisionen, Eilverfahren und Verfügungen mit allen Finessen dürften mittlerweile manche Juristen überfordern. Nach einem klugen Befreiungsschlag hat inzwischen die Suhrkamp-Chefin die Nase vorn: Die 65-Jährige meldete Insolvenz an, um den 2009 von Frankfurt nach Berlin umgezogenen Verlag von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. So will sie den 58-jährigen Barlach, der eine Reihe weitreichende Mitsprache- und Sonderrechte einbüßen würde, entmachten.

Der Trick: ein Schutzschirmverfahren. Es setzte eine Gewinnausschüttung an die Anteilseigner aus (dazu war der Verlag soeben verurteilt worden) und schützte das Unternehmen vor dem Zugriff der Gläubiger, ohne die Geschäfte einem Insolvenzverwalter zu überlassen. Lediglich ein Sachwalter wurde der Geschäftsführung zur Seite gestellt, um einen Sanierungsplan auszuarbeiten. Barlach hält die Insolvenz für mutwillig herbeigeführt. Grund dieses ausgeklügelten Schachzugs sei, ihn auszuschalten (eine Auffassung, die das Frankfurter Landgericht stützte und das Oberlandesgericht wieder kippte).

2500 Gläubiger haben das Rettungsprogramm gebilligt. Nun muss das Berliner Amtsgericht grünes Licht geben - der für Mitte Dezember vorgesehene Termin wurde verschoben. Barlach, der bei einer Abfindung aufgrund des Sanierungsplans 8 Mio. Euro verlieren würde, kann Widerspruch anmelden - sein Anwalt nennt die Umwandlung einen „enteignungsgleichen Eingriff“.

Unterdessen hat das Frankfurter Landgericht Ohrfeigen in der Dauerfehde (Streitwert: 12,2 Mio. Euro) verteilt. Beide Gesellschafter wollten sich aus dem Verlag werfen. Beide hätten Treuepflichten verletzt, so der Richter, so schwerwiegend, dass es gleich sei, „wer sich schlimmer verhalten hat“. Es bliebe nur die Auflösung der Gesellschaft. Worüber das Gericht aber nur auf Antrag eines der Kontrahenten entscheiden könne. Das Fehlverhalten reiche von Verleumdung und Preisgabe von Interna (Barlach) bis zur Vermischung privater und geschäftlicher Interessen. Genau wegen dieses Vorwurfs hatte das Landgericht Berlin Berkéwicz 2012 als Geschäftsführerin abberufen. Auch dieses Urteil ist noch nicht rechtskräftig - hier muss das Kammergericht Berlin entscheiden.

Von Mark-Christian von Busse

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