Vielfältige Stimmen beim Festival „Neue Musik in der Kirche“ in der Kasseler Martinskirche

Heiliges mit Störmanöver

Kassel. Himmlische Chorklänge des Vocalensembles Kassel erfüllten die Kasseler Martinskirche, aber dann funkte der Mann am Mischpult dazwischen. Mitten in das „Sanctus“ einer 500 Jahre alten Messvertonung platzte die Gegenwart hinein, denn statt der entrückten Mehrstimmigkeit der „Missa L’homme armé sexti toni“ von Josquin Desprez (1445-1521) ertönten plötzlich zugespielte Wortfetzen von einer Chorprobe. Ein Schock. Das Heilige war vom Profanen eingeholt worden.

Der litauische Komponist Vykintas Baltakas, der an Mischpult und Laptop für die Klangregie verantwortlich zeichnete, konfrontierte Josquin mit einem heutigen Kontext, zerstörte die wohligen Gefühle beim Hören alter Musik. Sogar „Jingle Bells“ lauerte als hinterlistiger Gag in Baltakas’ Tonspur. Josquin hat einst das Soldatenlied „L’homme armé“ in seine Messe verwoben, eine Melodie, die um 1500 so populär war, wie es heute eben „Jingle Bells“ ist.

Klug konzipiert, zum Nachdenken anregend war die lange Musiknacht im Rahmen des Festivals „Neue Musik in der Kirche“, weil sie neben Baltakas eine alternative Möglichkeit des Umgangs mit der Tradition stellte.

Die doch sehr plakative Josquin-Dekonstruktion umrahmten nämlich zwei Passionsmotetten von Wolfgang Rihm, der ironiefrei mit der Vergangenheit umgeht und das „Heilige“ unangetastet lässt, was man je nach Standpunkt als respektvoll oder nostalgisch empfinden kann. Das exzellente Vocalensemble Kassel und der Chor- und Festivalleiter Eckhard Manz wussten Rihms Ausdruckskraft bestens umzusetzen.

Aber nicht nur die Auseinandersetzung mit der Tradition war Thema der freundlich applaudierten Konzertblöcke in der mäßig gefüllten Martinskirche. Es ging auch um Stimmen und Elektronik. Da beeindruckte die virtuose Sopranistin und Vokalartistin Rita Balta, da gab es eingangs pure Lautsprechermusik beim avantgardistischen Wiener Schmäh von Gerhard Rühm und bei einem blubbernden Tonbandstück von Peter Eötvös.

Viel von der unschuldigen Experimentierlust der Zeit um 1960 wurde da vermittelt. Im Programmheft formulierte Eötvös denn auch rückblickend: „In den progressiven 60er-Jahren erschien uns die Zukunft näher als heute.“

Von Georg Pepl

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