Hessische Schriftsteller über ihr Wohnen

Heimat ist, wo das Notebook steht

Ulrich Holbein

Wo wohnen Sie? Die Frage klingt simpel und zielt meist sachlich auf die Adresse. Die Antwort aber sagt viel aus über Menschen. Wo man wohnt, verrät etwas über Erwartungen ans Leben, biografische Brüche oder Zufälle. Wohnen bedeutet jedenfalls viel mehr, als polizeilich gemeldet zu sein.

Das beweist ein schmales, aber erhellendes Bändchen, für das Herausgeberin Ruth Fühner hessische Schriftsteller gefragt hat: „Wo wohnen Sie?“

Sie erfinde die Orte, an denen sie wohnt, „ich schreibe sie herbei“, antwortet die Frankfurterin Zsuzsa Bánk: „Ich wohne in meinem Kopf.“ Sie mag „die Dinge, die es nur in der Stadt gibt, aber ich mag die Stadt nicht“. Also verschwindet sie in ihrer Vorstellung im Wald. „Ein Autor wohnt, wo er schreibt“, so auch Olga Martynova: „Ich bin am liebsten dort, wo sich mein Notebook momentan befindet.“ Gudrun Pausewang dagegen ist nach Nomadenjahren in Schlitz sesshaft geworden: „Hier fühle ich mich geborgen - wie ein Tier in seiner Höhle.“

Krimi-Autorin Anne Chaplet beschreibt die Erfahrung, Kind von Vertriebenen zu sein. Ihr Haus im Vogelsberg gehöre in ein idyllisches „Museumsdorf“ der Erinnerung. Sie wohne in einer „Farbbildstrecke, abgedruckt in der Zeitschrift ,Landlust’, die wahrscheinlich nur Städter kaufen“. Auch Peter Härtling, der gerade den Kasseler Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache erhalten hat, geht im Traum „in seiner Kinderstadt Olmütz spazieren“. Heimisch geworden ist er in Mörfelden-Walldorf, wo er gegen die Startbahn-Erweiterung des Flughafens gekämpft hat.

Der aus Rumänien übergesiedelte Franz Hodjak lebt in Usingen im Taunus, beheimatet fühlt er sich in einem „immerwährenden Dazwischen“. Oliver Maria Schmitt ironisiert das „beschauliche Biotop“ des Frankfurter Nord-ends, wo für Martin Mosebach die Kastanie vor dem Fenster das Wichtigste ist. Ingrid Mylo schwärmt vom Tannenwäldchen im Kasseler Vorderen Westen: Man könne dort Urlaub machen, „würde man nicht schon hier wohnen“.

Ein gemeinsames irgendwie „hessisches“ Lebensgefühl, ein Bezug zum Bundesland, entsteht bei dieser Vielfalt nicht.

Einen sympathischen Text steuert Ulrich Holbein über sein Eremitendasein in der „superparadiesischen Unüberbietbarkeit“ der Waldeinsamkeit im Knüll bei. Er schildert in „Alleinlage, verwildert“, wie ihm die Natur auf die Pelle rückt. Nichts für jeden: „Keiner hält es hier gern aus - außer ich.“ Ruth Fühner (Hg.): Wo ich wohne. Jonas, 112 S., 10 Euro, Wertung: !!!!:

Von Mark-Christian von Busse

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