Tea Mäkipää macht Migration in der Ausstellung „angekommen“ in der Karlskirche erfahrbar

Die Heimat im Schuhkarton

Schlichte Kirchenarchitektur trifft abstrakte Kunst: Tea Mäkipääs Skulptur „1:1“ legt die Infrastruktur einer Stadtwohnung offen und spiegelt so moderne Heimat wider. Foto: Koch

Kassel. Tea Mäkipää macht etwas sichtbar, das sonst nicht zu sehen ist. Mit ihrer Installation „1:1“ legt die finnische Künstlerin die Infrastruktur einer Wohnung offen, die den Menschen in der modernen Großstadt am Leben hält: Rohre, Kabel, Schächte. Ihre Skulptur ist das Zentrum der Ausstellung „angekommen“ in der Kasseler Karlskirche, die ebenfalls etwas Unsichtbares visualisiert: wie die Hugenotten, die vertriebenen französischen Protestanten, vor 300 Jahren in Hessen-Kassel eine neue Heimat fanden.

Der Kunsthistoriker Dr. Christoph Lange, der anlässlich des 300. Jubiläums der französisch-reformierten Kirche auch historische Objekte aus der Zeit der Hugenotten im Kirchenraum präsentiert, lud Mäkipää ein. Die Installation der 37-Jährigen beantworte auf unterschiedliche Weise die Fragen nach Heimat und Heimatlosigkeit – wobei die Erfahrungen von Migration und Integration keineswegs nur historisch, sondern ganz aktuell seien.

Mäkipää selbst kam die Idee zu „1:1“, als sie eine Zeit lang in Helsinki in einer kalten Fabrikhalle ohne Elektrizität lebte. Sie war von dem Gedanken fasziniert, dass sich der moderne Stadtmensch in einer seltsamen Wohnform eingerichtet hat: „Wir leben über- und nebeneinander, getrennt nur durch dünne Wände. Jeder lebt in einer Art Schuhkarton. Um darin zu überleben, brauchen wir Energie, Wasser, Heizung – wir sind abhängig von dieser Infrastruktur, die wir nicht wahrnehmen, weil sie in den Wänden versteckt ist.“

Zugänglich ist „1:1“ nicht nur wegen des Themas, das ein Augenmerk auf das absurde Moment unserer alltäglichen Wohnsituation lenkt. Spannung entsteht im Kontrast von schlichter Kirchenarchitektur und der schräg in den Raum ragenden Skulptur. Die Installation lädt den Betrachter zu einer verschlungenen Entdeckungsreise ein: Er verfolgt das System aus Leitungen, Kabeln und Rohren, die in Waschbecken, Kloschüsseln und Lampen enden.

Für die international arbeitende Künstlerin, die abwechselnd in Finnland und Weimar lebt, ist Heimat weniger an einen konkreten Ort gebunden: „Sie ist für mich da, wo ich meine Batterien auftanken kann, wo ich entspannen kann.“

„angekommen“ ist bis zum 11. Juli, mittwochs bis sonntags jeweils von 11 Uhr bis 18 Uhr, in der Karlskirche zu sehen. Führungen gibt es samstags um 15 Uhr und sonntags um 11.30 Uhr.

Von Bastian Ludwig

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