Reinhard Jirgl las in der Bibliothek Lohfelden

In der Heimatmühle

Reinhard Jirgl

Lohfelden. Reinhard Jirgl mag als gerade ausgezeichneter Büchner-Preisträger ein Star des Literaturbetriebs sein. Bei seiner Lesung am Mittwochabend in der Bibliothek Lohfelden trat er vor 40 Besuchern zugänglich und unprätentiös auf.

Der 57-Jährige las, eingeladen auch von der „Agenda Trutnov“, die die Kontakte mit der tschechischen Partnergemeinde pflegt, aus dem Roman „Die Unvollendeten“ (2003): die Geschichte einer Vertreibung aus dem Sudetenland und der Ansiedlung in der Altmark, wo man Zwangsumgesiedelte mit Sprüchen wie diesem begrüßte: „Dünnschiss und Flüchtlinge kann man eben nicht aufhalten.“

Es ist Jirgls Familiengeschichte, übersetzt, wie er erläuterte, in seine eigene - anspruchsvolle - Sprache. Jirgl, der zeitweilig bei seiner Großmutter aufwuchs, hat die Erfahrung gemacht, „dass sich die Heimatmühle immer drehte“ - bis er als Halbwüchsiger das ständige Gerede über die Heimat und die Hoffnung auf Rückkehr nicht mehr hören konnte. Mit seinem Roman jedoch hat er den grauenvollen Erfahrungen der Vertriebenen Ausdruck gegeben.

Die Alternative, rigide Sprechverbote, das Verdrängen der Demütigungen, war vielleicht noch schlimmer. Den „Panzer des Schweigens“ aufzubrechen, unter dem eine ganze Generation litt, beschrieb Jirgl als Aufgabe: sich der Geschichte mit Offenheit zu stellen, damit nicht „die Emotionalität weitergetragen“ wird, damit nicht wie in Ex-Jugoslawien ein „giftiger Opferbrei“ aus Zorn und Benachteiligung angerührt wird, der „alles Zivilisatorische zunichtemacht“: „Ewiges Aufrechnen, damit kommt man nicht weiter.“ Foto: von Busse

Von Mark-Christian von Busse

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