Interview mit Heinz Rudolf Kunze: "Ich hatte nie eine Heimat"

Musiker Heinz Rudolf Kunze ist ein Flüchtlingskind. Darum singt er auf seinem neuen Album "Deutschland" nicht nur über das wichtigste Thema unserer Zeit, sondern hilft auch konkret.

Für das Cover seines neuen Albums hat Heinz Rudolf Kunze das Bild einer Vorstadtstraße aus Hannover ausgewählt. Sie sieht aus wie die Straße in Osnabrück, in der der Musiker aufwuchs: „Es ist ein bisschen Idylle, ein bisschen Mief und ein bisschen gruselig.“ Genau so sieht der 59-Jährige „Deutschland“ auf dem gleichnamigen Album.

Im Titellied heißt es: „Im Osten sind die Schamverletzten, im Westen sind die Stolzen.“ Sind Sie stolz auf Deutschland, das die Grenzen noch nicht dicht gemacht hat? 

Heinz Rudolf Kunze: Angela Merkels Flüchtlingspolitik finde ich menschlich sehr anständig, aber die Wirklichkeit in der Politik ist leider oft so kompliziert, dass man allein mit menschlichem Anstand nur bedingt weit kommt. Vielleicht hätte sie im August nicht sagen sollen, dass wir das schaffen, sondern so was wie: „Schauen wir mal, wie viel wir schaffen.“

Sie selbst sind in einem Flüchtlingslager geboren worden. Geht Ihnen die Debatte darum besonders nahe? 

Kunze: Die Tatsache, dass meine Eltern Vertriebene aus dem Teil Deutschlands waren, der nun zu Polen gehört, lässt mich die Sache sicher etwas anders betrachten. Wir waren zwar nur Deutsche aus dem Osten und daher leichter zu integrieren als Menschen aus einem völlig anderen Teil der Welt. Aber selbst für meine Eltern war das nicht einfach. In manchen Gegenden wurden wir sehr herzlich aufgenommen, in anderen nicht so.

Mit der Initiative "Musik hilft" sammeln Sie Instrumente für Flüchtlinge. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht? 

Kunze: Wir haben jetzt mehr als 650 Musikinstrumente zusammengetragen. Das ist nicht atemberaubend, aber immerhin etwas. Nach großen Anlaufschwierigkeiten haben wir die auch an die Flüchtlingsheime verteilt. Als wir im Herbst anfingen, haben uns sämtliche Behörden und Dienststellen wegen völliger Überforderung noch die kalte Schulter gezeigt. Dann haben uns die Johanniter dankenswerterweise geholfen. Zudem haben sich einige Musiklehrer bereiterklärt, in die Heime zu gehen, um den Leuten zu erklären, wie die Instrumente überhaupt funktionieren. Es gibt also nicht nur die Krakeeler, die uns aus den Nachrichten anspringen, sondern auch ein hohes Maß an Anständigkeit.

Sie wundern sich, dass viele Ihrer Kollegen solche Themen nur selten in ihren Werken abbilden. Dabei hat doch ein Musiker genausowenig die Pflicht, die Welt zu verbessern wie ein Handwerker, wie Sven Regener einmal gesagt hat. 

Kunze: Ich will den Kollegen keine Pflicht vorschreiben. Ich wundere mich nur etwas, dass viele Musiker in Talkshows ihre Meinung sagen, sich mit diesen drängenden Fragen in ihrer Arbeit aber nur selten beschäftigen. Dabei sind das doch Dinge, die uns alle bewegen und auf die wir mit unseren künstlerischen Möglichkeiten reagieren sollten. Bislang habe ich von meinen Kollegen darauf noch keine Antwort bekommen.

Manchmal bekommt man für politische Lieder auch Beifall von der falschen Seite. Hat es Sie überrascht, dass Ihr im Vorjahr erschienenes Lied “Willkommen, liebe Mörder” oft auf rechten Internetseiten zitiert wurde? 

Kunze: Das hat mich sehr überrascht, weil ich auf Facebook erklärt hatte, was ich mir bei dem Lied 2014 gedacht habe, als es entstanden ist. Es ging mir um die NSU-Morde und den deutschen Spießbürger, der auf dem rechten Auge oft blind ist. Deshalb habe ich Max Frischs Bühnenstück “Biedermann und die Brandstifter” in Songform nacherzählt. Ihm ging es um die Gefahr von rechts und ganz sicher nicht um Syrer oder Nordafrikaner. Ich kritisiere also genau die Leute, die sich jetzt dieses Lied auf die Fahnen schreiben. Was daraus geworden ist, ist absurd.

Mit „Die alte Piccardie“ über Ihre ehemalige Volksschule haben Sie nun ein Heimatlied aufgenommen. Wie wichtig ist Ihnen Heimat? 

Kunze: Da ich eigentlich keine habe: sehr. Ich bin sehr oft umgezogen und in andere Orte verpflanzt worden. So habe ich zwar eine Herkunft, die ist ostdeutsch und liegt in Guben. Aber statt einer Heimat habe ich nur Wohnsitze. Ich lebe jetzt schon 25 Jahre in der Nähe von Hannover, aber ich bin nicht von hier - und ich war niemals irgendwo von hier.

In „Jeder bete für sich allein“ geht es darum, dass Religion Privatsache sein sollte. Könnte man das Stück auch auf dem Kirchentag spielen, für den Sie auch schon einmal eine Hymne geschrieben haben? 

Kunze: Dort würde es wahrscheinlich Pfiffe geben. Alle Religionsgemeinschaften verzichten nur sehr ungern auf ihre Schäfchen. Trotzdem fände ich das eine gute Idee. Dieses Lied ist im wahrsten Sinn des Wortes ein frommer Wunsch. Das heißt: Es klappt sowieso nicht. Lieder sollen trotzdem auch manchmal das schier Unmögliche beschreiben. Allein die Vorstellung, dass Religion nur noch Privatsache wäre, ist schön: So würde jeglichem Fanatismus der Boden entzogen.

An was glauben Sie? 

Kunze: Ich bin kein Atheist. Ich halte Gott für möglich und wünschenswert. Ich möchte mir vorstellen können, dass es irgendeinen Plan gibt, auch wenn er oft nicht zu verstehen ist. Mit dem Gefühl, dass alles nur ein unerklärbarer Zufall sei, könnte ich nur schwer leben. Aus der evangelischen Kirche, in die ich hineingeboren wurde, bin ich darum nie ausgetreten.

Vielseitiger als „Deutschland” mit seinen Blues-Anleihen, Pop-Melodien und Western-Gitarren kann ein Album musikalisch kaum sein. Und Sie haben noch hunderte Songs in der Schublade. Kennen Sie keine Schreibblockade? 

Kunze: Nein. Der Nachteil ist, dass viele Sachen nicht veröffentlicht wurden, die vielleicht sehr schön gewesen wären, die ich aber leider übersehen habe. Aber lieber habe ich dieses Problem, als dass ich keine Einfälle habe. Ich könnte jedes Jahr fünf Alben machen, doch da sagt die Plattenfirma nicht zu Unrecht: Lass das mal lieber. Wer soll das denn alles kaufen?

Wie wichtig ist Ihnen noch kommerzieller Erfolg? 

Kunze: Sehr, ich lebe davon. Ich mache aber Musik nicht nur, um damit Geld zu verdienen, sondern auch, damit möglichst viele Menschen Spaß daran haben, was ich mir mit meinen Jungs ausgedacht habe. Der kommerziele Erfolg ist also auch ein emotionaler Erfolg. Das müsste jeder Musiker so sehen und gilt auch in einer Zeit massiv gesunkener CD-Verkäufe noch. Die Umsatzzahlen sind in den letzten zehn Jahren um zwei Drittel zurückgegangen. Und zwar bei jedem. Egel ob man Nummer 1 oder Nummer 50 in den Charts ist. Darum ist das Live-Geschäft noch wichtiger geworden. Live-Spielen ist wie eine Belohnung, das Aufnehmen im Studio ist dagegen Arbeit. Im Studio klatscht ja 

keiner.

Im Herbst werden Sie 60. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf den Geburtstag?

Kunze: Jeder Geburtstag mit einer Null hat ein symbolisches Gewicht. Aber es ist immer noch besser, 60 zu werden, als nicht 60 zu werden. Die Alternative ist ganz schlecht.

Warum hat Ihre Wahlheimat Hannover eigentlich so ein schlechtes Image? 

Kunze: Das ist in der Tat ein Rätsel. Hannover ist weltoffen und eine der wichtigsten Messestädte der Welt. Die Stadt hat halt nicht so etwas Besonderes zu bieten wie das Brandenburger Tor oder den Hamburger Hafen. Hannover ist ein bisschen wie Stuttgart ohne Berge.

Heinz Rudolf Kunze: Deutschland (RCA/Sony).

Wertung: vier von fünf Sternen

Zur Person

Geboren: am 30. November 1956 in Espelkamp-Mittwald

Ausbildung: Germanistik- und Philosophiestudium

Karriere: Begann 1981 mit dem Debütalbum „Reine Nervensache“. Kunzes größter Hit war „Dein ist mein ganzes Herz“ (1985). Bis heute hat er mehr als 400 Songs und 1600 Texte geschrieben.

Privates: Lebt mit seiner zweiten Frau in der Nähe von Hannover. Aus seiner ersten Ehe hat Kunze zwei Kinder (38 und 30).

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