Vorhersehbare Gags

Neu im Kino: Sönke Wortmann inszeniert „Das Hochzeitsvideo“ wie Laien-Film

Aufgekratzte Stimmung: Pia und Sebastian (Lisa Bitter und Marian Kindermann, links) wollen mit ihren Freunden den Junggesellenabschied feiern. Foto:  Constantin/nh

Der beste Freund des Bräutigams setzt sich mit bedeutungsvoller Geste vor seine Filmkamera und spricht salbungsvolle Wünsche für die baldige Eheschließung ins Objektiv.

Wahrlich herzergreifend, doch das Pathos wird ein klein wenig konterkariert, weil im Hintergrund des Bildes ein aufklappbarer Wäschetrockner zu sehen ist, auf dem uralte Tennissocken schrumpelig getrocknet sind.

Sönke Wortmanns neuer Film „Das Hochzeitsvideo“ fängt vielversprechend an. Genau richtig in der Mischung aus Hochzeits-Schwulst und aufgekratztem Gefühlschaos. Erzählt wird die Geschichte durch das Kameraauge von Bräutigam-Freund Daniel (Martin Aselmann), der den Verlobten ein Hochzeitsvideo schenken will und die letzten Tage vor dem Ja-Wort filmend begleitet. Später kommt noch eine weitere Kamera dazu, die Brautschwester hält den Junggesellinnenabschied fest.

Mockumentary nennt sich dieses neue, gerade sehr angesagte Genre: gefälschte Dokumentation. Wortmann montiert Bilder, die wie ungestellt aussehen, wie zufällig vorgefunden. Immer wieder sagt jemand „Mach endlich die Kamera aus“, und das Bild wird kurz schwarz. Szenenwechsel.

Dabei ist das improvisiert wirkende Geschehen sorgfältig inszeniert. PR-Frau Pia (Lisa Bitter) und Pilot Sebastian (Marian Kindermann) wollen sich das Ja-Wort geben, obwohl sie sich erst ein paar Monate kennen. Hippe Endzwanziger mit Motto-T-Shirts, großen Wohnungen und einem schillernden Freundeskreis.

Sie absolvieren das ganze zeremonielle Programm: Junggesellenabschied mit gemieteter Stripperin, Mädelsbesäufnis mit nächtlichem Gang ins Tätowierstudio, Trauungs-Probe, Polterabend, Kirche.

Wortmann klappert die Stationen nacheinander ab – auf dem Weg zum Altar verliert der Film jedoch seine Originalität und an einigen Stellen auch seinen Witz.

An den anarchischen Gehalt von Filmen wie „Hangover“ oder „Brautalarm“ reicht „Das Hochzeitsvideo“ nicht heran. Viele Gags sind zahm, die Dramaturgie ist vorhersehbar. Ein Ex-Freund von Pia ist Pornodarsteller, er taucht unvermutet auf, die Eltern kommen aus höchst unterschiedlichen Milieus - verkrampfter Etepetete-Dünkel trifft Hippie-Geklampfe. Der Standesbeamte wird erpresst, der Pfarrer cholerisch, und natürlich platzt die Kamera in die Kleideranprobe der Mädels hinein, als alle gerade im BH durch die Wohnung springen.

Die Entscheidung, mit unbekannten Bühnenschauspielern zu arbeiten, geht allerdings auf. Den jungen Darstellern zuzuschauen, macht Spaß. Auch das Kamera-Geruckel im Laien-Stil ist so gelöst, dass es auf der Kinoleinwand funktioniert.

Und wenn dann das Ja endlich ausgesprochen ist, stecken die Chaos-Verliebten ihre Ringe an - da der historische Familienschmuck abhanden gekommen war, sind es Verschlüsse von Coladosen.

Genre: Komödie

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: !!!::

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

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