Jürgen Oßwalds tolles Abschiedskonzert mit dem Kasseler Sinfonie-Orchester

Ein heiteres Finale

Nahm nach mehr als 30 Jahren Abschied vom Kasseler Sinfonie-Orchester: Dirigent Jürgen Oßwald. Foto Zgoll

Kassel. Eines hat das Abschiedskonzert von Jürgen Oßwald als Leiter des Kasseler Sinfonie-Orchesters vor allem gezeigt: wie groß die Lücke ist, die der 72-jährige Dirigent hinterlässt, wenn er nun das Orchester nach mehr als 30 Jahren abgibt. Die Musiker und das Publikum im Blauen Saal der Stadthalle spürten dies gleichermaßen und verabschiedeten Oßwald mit Standing Ovations, einer Dankesrede und Geschenken.

Nicht nur der Anlass, auch das Programm war besonders: Es begann nämlich mit Gesang: Ein Vokalquartett mit Kathrin Oßwald, Hannah M. Kluge, Florian Brauer und Helmut Weckesser intonierte, von Bläsern unterstützt, einen Satz des Renaissance-Komponisten Cristóbal de Morales aus dem Totenoffizium, zu dem Matthias Wittekind eine Saxofon-Improvisation beisteuerte - man fühlte sich an Jan Garbarek und das Hilliard Ensemble erinnert.

Oßwald ließ den ruhevollen Satz direkt in die sphärischen Streicherklänge von Charles Ives’ Orchesterstück „The Unanswered Question“ (1906) übergehen. Klanglich delikat gestaltete Oßwald dieses Stück, in dem Ives - zugleich Traditionalist und Pionier - vor dem Hintergrund der Streicherakkorde die Trompete (Philipp Baader) sechsmal ein fragendes Motiv in den Raum stellen lässt, das von vier Holzbläsern hektisch und dissonant aufgegriffen, aber nicht beantwortet wird.

Ebenfalls ins Offene, allerdings mit ganz anderen Mitteln, führen Richard Strauss’ „Vier letzte Lieder“. Die Lust am Strauss’schen Orchesterklang war bei den gut 70 Musikern vom ersten Aufwallen des Hesse-Liedes „Frühling“ zu spüren. Die slowenische Sopranistin Elvira Hasanagic nahm den aufblühenden Ton auf und betonte mit ihrer an Farben und Ausdrucksnuancen reichen Stimme vor allem die hellen, optimistischen Momente.

Beim klanglich differenziert agierenden Orchester setzte die von Susanne Lorenz angeführte Horngruppe die Glanzpunkte. Besonders pointiert und stimmungsvoll gelang der Soundtrack zum Schlusslied „Im Abendrot“ (Eichendorff), das Elvira Hasanagic mit abgeklärter Souveränität sang.

Abschiede soll man fröhlich feiern, und so hatte Jürgen Oßwald an den Schluss des Programms Robert Schumanns dritte Sinfonie, die „Rheinische“, gesetzt. Eine Herausforderung und auch ein Vergnügen für das Kasseler Sinfonie-Orchester, das sich einmal mehr als ausgewogene Mischung aus Amateuren und Profis präsentierte.

Schwungvoll und mit strahlendem Klang begannen Oßwald und die Musiker dieses von freudigen Gedanken inspirierte fünfsätzige Werk. Das Scherzo hatte ein klares rhythmisches Profil, nur im dritten Satz ließen Intensität und Konzentration etwas nach.

Doch der feierliche vierte und erst recht der freudig- sprühende Finalsatz zeigten Jürgen Oßwald und die Musiker wieder in Bestform. Der lange Schlussbeifall galt dem gelungenen Abend ebenso wie den großen Verdiensten des scheidenden Orchesterleiters.

Von Werner Fritsch

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