Held aus dem Hinterland: Der großartige Rapper Casper

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Mit Punk groß geworden, hat er nun den Pop für sich entdeckt: Der HipHopper Benjamin Griffey alias Casper (31).

Vielleicht hat Casper vor drei Jahren doch gelogen. Damals wurde der Rapper aus Bielefeld als Retter des deutschen HipHop gefeiert, doch er gestand unserer Zeitung: „Ich bin kein Heiland.“ Daran muss man nun, da sein überwältigendes drittes Album „Hinterland“ erschienen ist, Zweifel haben.

Am Dienstag voriger Woche war der 31-Jährige das wichtigste Thema unter den deutschen Nutzern bei Twitter. Der Hashtag #catchcasper2 rangierte noch vor dem Schlagwort #btw13 für die Bundestagswahl. Kein anderes deutsches Album wurde in diesem Jahr so sehnsüchtig erwartet. Und das Cover zu „Hinterland“ zeigt einen Priester im US-Staat Mississippi, der eine Frau im Fluss tauft. Wahrscheinlich kann Casper sogar übers Wasser laufen.

Dabei kann der Sohn einer Deutschen und eines US-Soldaten nicht einmal ein Instrument spielen. Deshalb hat er einst begonnen, HipHop zu machen. Mit dem Album „Xoxo“ gelang ihm 2010 der Aufstieg. Zu elektronischen Beats und Indierock-Gitarren rappte er mit seiner Reibeisenstimme emotionale und intelligente Texte über seine Generation, der alles ziemlich egal ist. Der smarte Studienabbrecher war das Gegenmodell zu Brutalo-Rappern wie Bushido, deren Texte meist von Pistolen und Phallussymbolen handeln.

Wassertaufe in den USA: Das Cover von „Hinterland“.

Schon das war genau genommen kein HipHop mehr. Nun geht Casper, der eigentlich Benjamin Griffey heißt, einen Schritt weiter. „Es macht nicht Bum-Tschak, ich bumse keine Mütter und fahre nicht in der Limousine herum“, sagt er über die Klischees des Genres. „Hinterland“ klingt nicht mehr nach Jay-Z und Kanye West, sondern nach Bruce Springsteen und Tom Waits.

Casper hat Americana, Folk und Pop entdeckt. Bei Spotify veröffentlichte er eine Playlist mit Songs, die ihn zu „Hinterland“ beeinflussten. Dort hört man auch HipHop, aber vor allem Indie-Acts wie The Shins und Arcade Fire. Sein Album hat Casper mit Konstantin Gropper von Get Well Soon aufgenommen, der als Meister des orchestralen Pop gilt.

Schon im Eröffnungsstück „Im Ascheregen“ erklingen Klavier, Pauken und Bläser. Der Song „Hinterland“ beginnt mit einem Uhhhuuuhh-Chor, ehe Casper nun mehr singt als rappt über sein Aufwachsen in der Provinz. Sein Hinterland ist das ostwestfälische Extertal zwischen Hameln, Lemgo und Bielefeld, wo Griffey bei seiner Mutter groß wurde.

Aber natürlich kann das Hinterland überall jenseits der Metropolen sein. In der Provinz, glaubt der Wahl-Berliner, ist es einfacher, kreativ zu sein: „Aber ich musste zwanzig Mal so ehrgeizig sein wie andere.“ Auf seinem Album rockt er mit Gastkünstlern wie der Chemnitzer Band Kraftklub und singt eine berührende Ballade mit Editors-Sänger Tom Smith. Aber er zitiert auch die Hamburger Punk-Band Slime und ihren Song „Bullenschweine“.

„Hinterland“ ist ein großer Wurf. So groß, dass manche HipHop-Fans im Netz schreiben: „Das klingt doch schwul.“ Was in der homophoben Szene so viel heißt wie: „Das ist ein schlechter Rapper.“ Casper antwortet darauf wie ein Heiland mit einer Einladung an alle: „Meine Musik ist nicht nur für Metal-, Punk- oder Rap-Fans, nicht nur für Dicke oder Dünne, für Hübsche oder Hässliche. In meinen Songs soll sich jeder wiederfinden können.“

Casper: Hinterland (Four Music/Sony).

Wertung: fünf von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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