Helden wie du und ich: Kasseler Tanzabend "100.000 Superstars"

+
Super Tänzer: In Styliani Zannous „... the time after“ gibt es mit (von links) René Alejandro Huari Mateus, Lauren Rae Mace, Francesco Barba, Laja Field, Pilgyun Jeong, Ákos Dózsa und Isadora Wolfe (vorn) gleich sieben Supermänner und -frauen. Martin Durov fliegt in Johannes Wielands „supernova“ über die Bühne. Fotos: Klinger

Kassel. Auch Superman ist heute ratlos. In ihrer Choreografie „... the time after“ lässt die Griechin Styliani Zannou sieben Tänzer des Kasseler Staatstheaters in blauen Superman-Kostümen über die Bühne wirbeln. Auf der Brust prangt jedoch kein „S“, sondern ein Fragezeichen. Der Held steckt offensichtlich in der Midlife-Crisis.

Ein Star, sagt die Wahl-Berlinerin Zannou, kann jeder sein. In ihrem Tanzstück hängen die Akteure in riesigen Spinnennetzen, werden von den anderen befreit, um dann in tollen Gruppenszenen durch eine apokalyptische Landschaft aus geschreddertem Papier zu wirbeln. Mit der Windmaschine entstehen eindrucksvolle Bilder wie aus einem Kinofilm.

Zannou, die für einen sehr rhythmischen Tanzstil steht, stellt kluge Fragen: Was macht ein Held, wenn die Welt gerettet ist? Wieso braucht eine Gesellschaft Helden? Und wieso zerstört sie sie irgendwann selbst? Es wird nie zu schwer, zwischendurch kann man schmunzeln.

Die Arbeit der 39-Jährigen ist der Höhepunkt des abwechslungsreichen Tanzabends „100 000 Superstars“. Bei der Premiere im nicht ganz ausverkauften Opernhaus gab es sogar während der Aufführung „Bravo“-Rufe. Auch Tanzdirektor Johannes Wieland und der Bremer Gast-Choreograf Helge Letonja beschäftigen sich mit dem Superstar im 21. Jahrhundert.

Die Besucher erleben drei unterschiedliche Stile, es ist jedoch nicht alles super. In „stardust“ beeindruckt der Österreicher Letonja mit einem genialen Bühnenbild, das lediglich aus einem Dutzend Holzpodesten besteht. Die Tänzer bewegen sich darauf kleinteilig und anzüglich. Es soll um Macht und sexuelle Dominanz gehen. Immer wieder ordnen die Akteure die Podeste neu an, als sei das hier eine Welt aus Lego. Trotzdem bleiben am Ende mehr Fragezeichen als sie die Superhelden auf der Brust haben. Da hilft auch das Sounddesign nicht, das zirpt und rumpelt und bei dem Regen wie Applaus klingt oder umgekehrt.

Viel Beifall gab es schließlich für „supernova“, in dem Wieland nicht Menschen, sondern einen Moment zum Superstar erklärt: eine Sternenexplosion. René Alejandro Huari Mateus steht im Astronautenanzug auf der Bühne und erklärt das Phänomen: „Nichts kommt an eine Supernova heran. Es ist das dramatische Ereignis am Ende der Lebenszeit eines Sterns.“

Später singt Annamari Keskinen als divenhafter Star verkleidet zum Vollplayback Oscar Hammersteins 60er-Jahre-Hit „I’ve Told Every Little Star“, während Lauren Rae Mace sie mit toller Mimik persifliert. Am Ende steht Sängerin Keskinen halbnackt auf der Bühne, zum Gespött gemacht von ihren Fans. Auch hier geht es um die Dekonstruktion unserer Helden. Es ist das Finale eines kurzweiligen Abends, an dem das Tanztheater der Star ist.

Nächste Vorstellungen im Kasseler Opernhaus: 9., 11. und 23. April. Karten: 0561/1094-222.

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.