Der gefeierte US-Schriftsteller Dave Eggers erzählt in seinem neuen Roman vom Abstieg Amerikas

Helden, die keiner mehr braucht

Schauplatz Saudi-Arabien: In King Abdullah Economic City (hier das Einfahrtstor am Roten Meer) sollen einmal zwei Millionen Menschen leben. Fotos: dpa/nh

Dieser Alan Clay, den sich Dave Eggers für seinen neuen Roman ausgedacht hat, erzählt gern Witze wie diesen. Er handelt von einer Frau, deren Mann monatelang im Koma liegt. Als ihr Gatte wieder aufwacht, sagt er zu ihr: „Du hast alle schlechten Zeiten mit mir durchgestanden. Als ich gefeuert wurde, warst du meine Stütze. Als meine Firma den Bach runterging, warst du bei mir. Als wir das Haus verloren haben, hast du mir Mut gemacht. Als es mit meiner Gesundheit bergab ging, warst du immer noch an meiner Seite. Ich glaube, du bringst mir Unglück.“

Dieser Galgenhumor passt zu „Ein Hologramm für den König“, in dem der gefeierte US-Schriftsteller Dave Eggers vom Abstieg Amerikas erzählt. Sein Held Alan hat früher beim US-Fahrradhersteller Schwinn gearbeitet. Alles war gut – bis die Firma entschied, die Räder in China fertigen zu lassen. Nun ist Alan geschieden und verschuldet. Er weiß nicht, wie er seiner Tochter das College bezahlen soll. Seine letzte Chance sind Saudi-Arabien und die dort entstehende Millionenstadt King Abdullah Economic City (KAEC, sprich Cake). Mit einer holografischen Präsentation soll Alan den König überzeugen und den IT-Auftrag für eine US-Telekommunikationsfirma sichern. Doch es klappt nichts. Sein Team ist in einem Zelt in der Wüste untergebracht, in dem noch nicht mal das W-Lan funktioniert. Alans arabische Geschäftspartner lassen sich verleugnen, und vom König, von dem sein Glück abhängt, ist keine Spur. Es ist eine traurige und aberwitzige Geschichte zugleich.

Seinem Roman vorangestellt hat Eggers ein Zitat aus „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett: „Uns braucht man nicht alle Tage.“ Bei der Recherche hat Eggers mit vielen Typen wie Alan gesprochen, die man nicht mehr braucht. Die Firma Schwinn gibt es wirklich, und auch KAEC wird tatsächlich gebaut. Eggers hat mehrere Wochen dort verbracht.

Sein in nüchterner Sprache verfasster Roman ist darum auch ein Stück Journalismus. Mit realistischer Prosa kennt sich der 43-Jährige aus. Sein erster Bestseller hieß „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“ und handelte von Eggers selbst, dessen Eltern an Krebs starben und der seinen Bruder allein großzog. Später porträtierte er einen sudanesischen Flüchtling („Weit gegangen“) und einen Handwerker syrischer Abstammung, der während der Flutkatastrophe in New Orleans von Soldaten gefangen genommen wird („Zeitoun“).

In San Franciso betreibt Eggers seinen eigenen Verlag McSweeney’s, gibt eine Literaturzeitschrift heraus und hat ein Förderzentrum für Jugendliche gegründet. Eggers ist der Chronist des US-Niedergangs, aber er versucht, die Welt trotzdem besser zu machen.

Dave Eggers: Ein Hologramm für den König. Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 19,99 Euro. Wertung: !!!!:

Von Matthias Lohr

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