Die Folk-Sängerin und Protestikone Joan Baez wird am Sonntag 70 Jahre alt

Heldin ohne Illusionen

Kristallklare Stimme: Joan Baez am 2. Dezember 1964 bei einem Auftritt vor Studenten in Berkeley. Fotos: dpa

Anfang Dezember musste Joan Baez ihre Fans beruhigen. Die Folk-Sängerin war in sechs Metern Höhe von der Leiter ihres Baumhauses im kalifornischen Woodside gefallen. Auf ihrer Webseite schrieb sie wenig später, dass sich niemand sorgen müsse. Sie habe sich nur kleinere Verletzungen zugezogen, die schnell heilen würden. Im Frühjahr, versicherte Baez, werde sie in Frankreich wieder auf der Konzertbühne stehen.

Das Missgeschick zeigt, dass die Protestikone der 60er-Jahre immer noch fast unverwüstlich ist. Am morgigen Sonntag wird die 1941 in Staten Island (New York) geborene Tochter eines Mexikaners und einer Schottin 70 Jahre alt. In Woodside wohnt sie mit ihrer Mutter, ihrem Sohn, der Schwiegertochter und der Enkelin. Manchmal klettert sie in das Baumhaus, das in eine 200 Jahre alte Eiche gebaut wurde, meditiert, schreibt oder schläft einfach.

So stellt man sich das Leben einer „First Lady der Friedensbewegung“ vor, wie man Baez in den 60ern nannte. Mit ihrer kristallklaren Stimme, dem charakteristischen Vibrato und langen schwarzen Haaren war sie einer der Stars des Woodstock-Festivals. Der Protestsong „We Shall Overcome“ wurde zu ihrem Markenzeichen. Dem Kollegen Bob Dylan verhalf sie zu dessen ersten größeren Auftritten. Zeitweise waren die beiden ein Paar, heute gehen sie sich angeblich aus dem Weg.

Baez heiratete 1968 den linken Studentenführer David Harris, bekam einen Sohn und verbrachte Weihnachten 1972 aus Protest gegen den Vietnam-Krieg in einem Luftschutzkeller in Hanoi. Die Aktion ist legendär, doch später bereute Baez den Einsatz: „Als Mutter setzt man sein Leben nicht mehr aufs Spiel.“

Da hatte sie sich längst auch sehr mit sich selbst beschäftigen müssen. Ihre Ehe war geschieden worden. Vor allem jedoch machte Baez der Druck der US-Regierung zu schaffen, die ihre Platten aus den Läden verbannte und die Sängerin für 45 Tage ins Gefängnis steckte.

Bis heute veröffentlichte Baez mehr als 50 Alben. Hits landeten andere. Ihr größter kommerzieller Erfolg wurde 1971 „The Night They Drove Old Dixie Down“, eine Cover-Version von The Band.

Vor vier Jahren erhielt die ergraute Dame den Grammy für ihr Lebenswerk, das sie jedoch nicht verklärt wissen will. „Vieles, was wir taten, hört sich nur nachträglich toll an“, gestand sie einmal. Dass sie heute immer noch für eine bessere Welt kämpfen muss, hat sie angeblich nicht desillusioniert: „Ich bin Realistin, ich hatte nie Illusionen.“

Von Matthias Lohr

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