Herausragend: Spohr-Oratorium „Die letzten Dinge“ bei den Kasseler Musiktagen

Spohrs Musik in Vollendung: Frieder Bernius (vorn links) dirigierte den Stuttgarter Kammerchor und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Vorn die Solisten Konstantin Wolff (Bass, Mitte) und Sophie Harmsen (Alt, rechts). Foto: Malimus

Kassel. Am Karfreitag vor 187 Jahren wurde Louis Spohrs Oratorium „Die letzten Dinge“ in der Kasseler Martinskirche uraufgeführt. Ein wichtiges Datum in der städtischen Musikgeschichte, das für die Kasseler Musiktage Anlass genug war, dieses Werk im Jahr des Stadtjubiläums erneut an selber Stelle aufzuführen.

Obwohl Spohr mit diesem Oratorium auf Verse aus der Offenbarung des Johannes prophetischen Texten internationale Erfolge feierte, dürfte er selbst keine Aufführung erlebt haben, die an musikalischer Reife dem nahe kam, was am Sonntag 600 Zuhörer erlebten.

Frieder Bernius hat mit seinem Stuttgarter Kammerchor, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und einem herausragenden Solistenquartett eine einfach unglaublich intensive und musikalisch makellose Aufführung gestaltet. Eine CD-Aufnahme wird demnächst davon Zeugnis geben.

Spohr wollte sein Oratorium, das die Schrecken des Jüngsten Gerichts ausmalt, ehe es tröstlich mit der christlichen Erlösungshoffnung schließt, auch für Laienchöre aufführbar machen. Doch die Tiefenwirkung dieser Musik entspringt nicht eingängigen Melodien, sondern einer komplexen Harmonik, vielen fugenartigen Verflechtungen und einer kontrastreichen Dynamik.

Eine Sache für Profis also - und daher bestens aufgehoben beim Stuttgarter Ausnahmechor, dessen Fähigkeit zu feinster Nuancierung fast grenzenlos zu sein scheint. Mit den Stuttgarter Stimmen harmonierten die Bremer Musiker und die Solisten Johanna Winkel (Sopran), Sophie Harmsen (Alt), Andreas Weller (Tenor) und Konstantin Wolff (Bass) in blindem Verstehen.

Wie sehr Bernius Ausdrucksmusiker ist, ohne dabei auf äußerliche Effekte zu setzen, zeigte er im Chorsatz „Gefallen ist Babylon“, dem dramatischen Höhepunkt des Werks. Wunderbar, wie er dessen aufwühlende Wildheit bruchlos in den zarten A-cappella-Gesang des Solistenquartetts „Selig sind die Toten“ überführte.

Eine feine Überleitung vom ersten in den zweiten Teil des Oratoriums schuf zuvor schon der Chorsatz mit Solosopran „Und ich hörete eine Stimme“ von Heinrich von Herzogenberg. Am Ende herrschte ergriffene Stille, ehe der lang anhaltende Beifall einsetzte.

Von Werner Fritsch

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