Der Kasseler-Literaturpreis-Träger über Zorn und Versöhnung, Bier und Bayern

Herbert Achternbusch: „Es ist einfach nichts mehr da“

Das Telefon klingelt endlos, obwohl der Interviewtermin vereinbart ist, dann geht Herbert Achternbusch, der am Samstag den Kasseler Literaturpreises für grotesken Humor erhält, doch ran.

Er spricht bayerisch und ist freundlich, aber eher einsilbig.

Wobei störe ich Sie heute morgen?

Herbert Achternbusch: Beim Zeitunglesen. Sind Sie erbaut über das, was Sie heute lesen?

Achternbusch: Erbaut von einer Zeitung? Da wird man doch nicht erbaut, sondern informiert.

Freuen Sie sich auf die Kasseler Preisverleihung und über diesen Preis?

Achternbusch: Ich weiß es noch nicht recht. Das scheint von diesen Herrschaften eine Verlegenheit zu sein, weil sie keinen besseren gefunden haben.

Inwiefern? Sie reihen sich doch unter illustren Preisträgern ein, Loriot, Gernhardt, Polt, da kann man sich doch wohlfühlen in dieser Gesellschaft.

Achternbusch: Ich nicht.

Sie nicht?

Achternbusch: Nein.

Haben Sie mit denen nichts zu tun?

Achternbusch: Eigentlich nicht, nein.

Weil sich Ihr Humor unterscheidet oder Ihre Vorstellung von Komik?

Achternbusch: Komik ist nicht etwas wie eine Sahne auf der Torte, das muss durch und durch gehen.

Oder sind Ihnen die anderen zu glatt, zu oberflächlich?

Achternbusch: Das kann ich nicht beurteilen.

„Meine Zeit ist vorbei“, haben Sie 2001 in einem Interview gesagt, „was ich mache, interessiert keinen mehr“. Der Kasseler Preis beweist doch das Gegenteil…

Achternbusch: Andererseits verlangt man von mir, dass ich noch etwas Neues mache, eine Dankesrede, irgendwie soll ich mich noch äußern. Das zeigt doch, dass die keine Ahnung haben von dem, was ich gemacht hab.

Weil Sie keine Lust haben sich zu bedanken oder etwas beizusteuern?

Achternbusch: Ich hab weder Lust noch hab ich ein Reservoir. Es ist einfach nichts mehr da.

Das heißt Sie arbeiten zurzeit...

Achternbusch: Gar nichts. Ich hab’s Malen, ich hab alles aufgegeben.

Weil Sie erschöpft sind oder ausgelaugt?

Achternbusch: Das würde ich nicht sagen. Weil es mir zu blöde geworden ist.

Wenn Sie zurückblicken...

Achternbusch: Zurück ist gut.

Sie waren Autor, Maler, haben Stücke geschrieben, Filme gemacht - was scheint Ihnen am wichtigsten oder am meisten Bestand zu haben?

Achternbusch: Soll ich mich jetzt in meinen eigenen Schwanz beißen?

Es ist einfach eine Frage.

Achternbusch: Das kann doch ich nicht beurteilen. Am meisten hat mich schon das Filmen beschäftigt. Aber nur, weil das so arbeitsaufwendig war. Ich hab mich so kurz gefasst, wie es mir nur möglich schien.

Die Jury rühmt Ihre „radikale und kompromisslose Selbsterforschung“.

Achternbusch: Naja, was soll ich denn sonst erforschen?

Lässt mit dem Alter die Radikalität nach, oder werden Sie eher noch kompromissloser?

Achternbusch: Man wird noch kompromissloser, und das kompromissloseste ist, dass man sich damit gar nicht mehr beschäftigt. Es ist mir wurscht, ob man sagt, dass der Achternbusch ein Spießer geworden ist...

Provokation, Protest, Widerspruch bleiben aber - Sie werden nicht versöhnlicher.

Achternbusch: Was wollen Sie mit dem Wort versöhnlich? Mit was soll ich mich denn versöhnen? Das ging schon an mit den Deutschen, die den Hitler gewählt haben. Der Hitler hat nicht okkupiert, der ist gewählt worden. Da bin ich doch sowas von daneben...

Sie haben sich gerade in Bayern viele Feinde gemacht. Wie hält man das aus, so heftig attackiert zu werden? Möchten nicht gerade auch Künstler geliebt werden?

Achternbusch: Naja, ich bin ja kein Opernsänger, der sein Falsett verliert. Es kennen mich viele Leute, und es gibt auch viel Zuspruch. Sie kennen nichts von mir?

Ich bin, glaube ich, zu jung. Ich kann mich aber noch sehr gut erinnern an die Proteste gegen „Das Gespenst“, an den damaligen CSU-Innenminister Zimmermann.

Achternbusch: Peinlich, das ist sowas von peinlich. Die haben ins Kino hineingeschissen, diese erzkatholischen Deppen. Das ist doch das Letzte.

Ist ein solcher Zorn, wie ihn Ihre Arbeiten erregt haben, heute noch möglich? Oder gibt es in unserer Gesellschaft keine Tabubrüche mehr? Ist alles egal geworden?

Achternbusch: Mmmh. Nein, es ist nicht egal geworden. Man müsste nur den Finger an die richtige Stelle hintun. Aber das mache ich auch nicht. Ich bin doch kein Sozialpädagoge.

War die Welt früher einfacher, also eher schwarz-weiß? Es gab die übermächtige CSU und Figuren wie Strauß, der viel Hass auf sich zog. Vielleicht sind die Fronten heute nicht mehr so klar.

Achternbusch: Sie können die Landkarte von vorn und von hinten anschauen, wenn Sie’s von hinten anschauen, brauchen Sie ein bissel Licht, dass Sie sehen, was sich durchzeichnet. Insofern ist es schon schwieriger geworden. Ich will nicht sagen, dass sich die Burschen schämen, aber sie haben es satt, angegriffen zu werden.

Von Ihnen stammt der Satz: „In Bayern möchte ich nicht einmal gestorben sein.“

Achternbusch: Ja!

Was mögen Sie denn an Bayern, an München? Sie leben doch noch dort.

Achternbusch: Ich mag diese Kaum-Erträglichkeit. Es ist kaum zu ertragen. Und trotzdem merkt man, es geht schon irgendwie. Da hilft diese grundbayerische Anlage: Es wird schon wieder gut werden. Und wenn’s nicht wird, ist’s auch wurscht. Wie nah liegen Komik und Verzweiflung beieinander?

Achternbusch: So nah wie Hundeschwanz und Hundeschnauze. Man darf die nicht verwechseln.

Von Ihnen stammt die Selbstbeschreibung: „Kaum auf der Welt, suchten mich Schulen, Krankenhäuser und alles Mögliche heim.“ Ist das Leben eine Heimsuchung?

Achternbusch: Mmmh. Das ist zu negativ. Und das kommt, glaub ich, aus der katholischen Serie. Es ist mir eigentlich wurscht - mit positiven Vorzeichen. Es gibt ja null minus und null plus. Und ich bin null plus. Sonst würde ich mich ja umbringen. Das ist so umständlich. Ich hab so viele Kinder, die immer noch Geld von mir erwarten und keine Ahnung haben, dass ich vielleicht irgendwann mal gepflegt werden muss.

Sie empfinden schon, wenngleich vielleicht nicht beim Zeitunglesen, Lust am Leben.

Achternbusch: Ich glaub schon, vor allem wenn ich das erste Bier krieg’. Obwohl das Scheiße ist, dass man nichts mehr verträgt. Nach drei Bier ist einfach Sense.

Fällt Ihnen zu Kassel noch etwas ein?

Achternbusch: Natürlich die documenta. das hat mir schon sehr imponiert, auch wie sich die Stadt der documenta anheimgegeben hat. Das ist schon toll. Das ist das Beste, was Kassel jemals war, ohne Kassel nahetreten zu wollen.

Haben wir irgendetwas vergessen? Liegt Ihnen etwas am Herzen, wenn Sie an die Preisverleihung denken?

Achternbusch: Ich würde wegen meiner Person wirklich nicht hingehen. Aber ich hab noch so ein kleines Nesthäkchen, ein Kind mit 16 Jahren, und die will ich ein bissel mit in die Welt nehmen. Die ist sozusagen mein Geschenk an Kassel, dass ich ihr ein neues Kleid kauf’.

Und das Preisgeld können Sie gut gebrauchen.

Achternbusch: Ja, schon. Ich bedanke mich sehr, dass Sie sich Zeit genommen haben.

Achternbusch: Ich bedanke mich sehr. Wie alt san Sie? Sind Sie schon 20? Ich bin 41.

Achternbusch: Des is ja n’ oida Schuh. So fühl ich mich manchmal auch. Also, alles Gute!

Achternbusch: Danke für die Aufmerksamkeit.

Zur Person

Der 71-jährige gebürtige Münchner Herbert Achternbusch ist im Kulturbetrieb ein Außenseiter. Seine avantgardistischen Filme („Das Andechser Gefühl“), Prosabände („Die Alexanderschlacht“), Dramen, Drehbücher und Auftritte als Schauspieler wurden oft als Provokation empfunden.

Von TV-Anstalten und Fördergremien wurde der sechsfache Vater, der im Bayerischen Wald aufwuchs und in München und im österreichischen Waldviertel lebt, meist ignoriert. 1982 gab es einen Skandal um seinen mancherorts verbotenen Christus-Film „Das Gespenst“. Achternbusch gewann den jahrelangen Rechtsstreit um Fördergeld.

Hintergrund: Der Kasseler Literaturpreis

Herbert Achternbusch erhält den mit 10 000 Euro dotierten Literaturpreis für grotesken Humor, der von der Stiftung Brückner-Kühner und der Stadt Kassel vergeben wird, am Samstag, 18 Uhr, im Stadtverordnetensitzungssaal des Kasseler Rathauses.

Laudatio: Elisabeth Tworek, Leiterin des städtischen Literaturarchivs München. Den Förderpreis Komische Literatur bekommt Rebekka Kricheldorf. Auch zwei Ausstellungen werden am Wochenende eröffnet: Achternbusch-Fotografien zeigt Barbara Gass im Rathaus (bis 26. März). Achternbusch-Aquarelle sind im Kunsttempel, Friedrich-Ebert-Straße 177, bis 11. April zu sehen.

Von Mark-Christian von Busse

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