Herbert Grönemeyer: Fulminanter Auftritt in der Kasseler Eissporthalle

Herbert Grönemeyer.

Kassel. „O, wie ist das schön“, singen seine Fans in der Kasseler Eissporthalle irgendwann, als gebe es einen Triumph der Huskies zu bejubeln, „so was hat man lange nicht gesehen, so schön“. Und Herbert Grönemeyer stimmt in den Chor ein, kieksig hoch wie eine erkältete Opensängerin, die ihre Töne nicht trifft.

„Das kann alles nicht wahr sein“, sagt der 55-Jährige und bedankt sich für den „wunder-, wunderschönen Abend“.

„Schiffsverkehr“ heißt sein aktuelles Album. In Kassel gerät Grönemeyer, stets in Jeans und wechselnden Sakkos, am Freitagabend zweidreiviertel Stunden lang nie in raue, stürmische See, seine Fans lassen ihn einem wohligen Meer der Zuneigung baden. Als er „Mensch“ singt, von der „Sonnenzeit, unbeschwert und leicht“, scheinbar endlos und lässig wie ein Reggae, da recken sich Tausende Hände im Takt in die Höhe.

Die Gigantomie der maritim anmutenden Bühne, mit der Grönemeyers 100 Mann starker Tournee-Tross derzeit durch die Lande reist, musste für die Eissporthalle erheblich abgespeckt werden. Als Reminiszenz der Schiffsaufbauten sind zu Beginn bloß einige Videosequenzen des Sängers als Seebär zu sehen, im Rollkragenpullover und mit angeklebtem Bart. In Berlin, Düsseldorf, Gelsenkirchen strömten Zehntausende in die Arenen, in Kassel bleiben rund ums Mischpult deutliche Lücken. Warum das draußen nicht geklappt hat, habe er nicht verstanden, sagt er – ursprünglich hatte sein Auftritt in der Kasseler Karlsaue stattfinden sollen. Aber: „Wir machen’s uns gemütlich.“ Wobei das mit der Gemütlichkeit in dieser Halle natürlich so eine Sache ist.

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Dennoch gelingt es Grönemeyer, die Herzen zu erwärmen. Er bringt die Massen zum Tanzen und Singen („Was soll das“, „Bleibt alles anders“) und sorgt für fast andächtige, berührende Stille. Er ist immer noch der Bergmann aus dem Revier, der im Schacht ein helles Licht mitbringt – das Steigerlied leitet seinen Megahit „Bochum“ ein: „Du bist keine Weltstadt – genauso wie Kassel…“ Um es in der Meeres-Metaphorik zu sagen, die er selbst so gern benutzt, in „Zum Meer“ oder „Land unter“: Seit fast 30 Jahren ist er ein Leuchtfeuer, das verlässliche Orientierung gibt. „Nach der Ebbe kommt die Flut/Am Strand des Lebens/Ohne Grund, ohne Verstand/Ist nichts vergebens“, aus solchen Versen wie aus „Mensch“, so banal sie sein mögen, kann jeder etwas Tröstliches ziehen.

Fotos vom Konzert

Herbert Grönemeyer in der Kasseler Eissporthalle

Für viele Fans ist ein Grönemeyer-Konzert, als ob die Hälfte ihres Lebens im Zeitraffer zurückgespult würde. Mit „Alkohol“ und „Musik nur wenn sie laut ist“ geht es tief in die 80er, mit „Flugzeuge im Bauch“ wird schlimmer Liebeskummer vergegenwärtigt, die todesanzeigentauglichen Zeilen von „Der Weg“ helfen beim schweren Abschied von geliebten Menschen. Grönemeyer – das sind Lieder für alle Lebenslagen, vom Verliebtsein mit dem großartigen „Halt mich“ bis zur sarkastischen Bitterkeit von „Keiner liebt mich“.

„HRBRT“ steht am Anfang auf der Leinwand, wo im Lauf des Abends wie von Zauberhand schwarz-weiß-verfremdete Live-Aufnahmen der Band zu sehen sind - das Design stammt vom Grönemeyer-Freund Anton Corbijn, dem Filmemacher („Control“). Selbstironischer Hinweis auf Grönemeyers chronisches Verschlucken der Vokale, auf die Unverständlichkeit seines Gesangs. Obwohl: Dass er singen kann, hat ihm gerade die Wissenschaft bescheinigt, in Form eines Rostocker Doktoranden. „Er kann mit seinen 55 Jahren immer noch sehr hoch singen“, meint Florian Koeppe, „hat viel Kraft in seiner Stimme und trifft die Töne.“ Die krachenden Titel gehen allerdings mitunter in dumpfen Percussion- und Drumschlägen unter. Sein Tanzen ist irgendwas zwischen höchst individuell und unbeholfen. Bei „Männer“ („…kriegen dünnes Haar“) kokettiert er mit seinem Aussehen, das immer mehr etwas Jack-Nicholson-Haftes bekommt. All das macht ihn nur sympathisch-volksnah: Dass eben nicht alles perfekt ist.

Auch die Dramaturgie ist nicht immer stimmig. Sobald es in der Halle brodelt wie in einem Hexenkessel, kühlt Grönemeyer – sogar im Zugabenblock - die auf dem Siedepunkt kochende Stimmung mit unbekannteren („Auf dem Feld“) oder sperrigeren Songs („November“) wieder ab. Da gibt es leichte Ermüdungserscheinungen, so gegen 23 Uhr.

Am Ende singt Grönemeyer das Lied „Zur Nacht“ und lässt die Menge den „Vollmond“ angrölen. Da sind alle schlagartig wieder wach. Man denkt kurz, wie es wäre, wenn er, wie er das schon mal gemacht hat, an der Orangerie „Der Mond ist aufgefangen“ gesungen hätte. Dann wäre es wohl ein unvergesslicher Abend geworden. Aber „momentan ist richtig, momentan ist gut“, wie es in „Mensch“ heißt. So war es ein sehr gutes Konzert.

Von Mark-Christian von Busse

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