Die Göttinger „König Lear“-Inszenierung von Mark Zurmühle ist ein Kommentar zur Finanzkrise

Der Herrscher als Mahnmal

Das Unheil ist unabwendbar: Benjamin Berger als Edgar, Glosters Sohn, Johannes Granzer als König Lear und Jan Pröhl als Graf Gloster (von links). Foto:  Winarsch

Göttingen. Der Anfang vom Ende ist ein explodierender Computer. Dann brüllt der Sturm los und treibt Papierbögen über die Bühne. Knöcheltief steht ein gebrochener Herrscher in den Wertpapieren, die genauso wertlos geworden sind wie die Familienbande, die ihm so unerschütterlich schienen.

Dass Shakespear’sche Hofintrigen viel mit der aktuellen Finanzkrise zu tun haben, bewies am Samstag die Premiere des „König Lear“ am Deutschen Theater in Göttingen. Regisseur Mark Zurmühle verlegt das apokalyptische Endzeitszenario aus dem elisabethanischen England in eine Mischung aus Großbankzentrale und Tagesschau-Studio (Bühnenbild: Eleonore Bircher), in dem die Bedrohung nicht von Naturgewalten, sondern von menschlichem Leichtsinn ausgeht. An diesem Ort ist jeder zu beschäftigt mit den Zahlen auf den Bildschirmen, um eine Katastrophe kommen zu sehen. Warnende Stimmen werden verbannt, Redlichkeit ist nicht Tugend, sondern Schwäche.

Das unabwendbare Unheil beginnt, als der selbstherrliche König Lear (Johannes Granzer) leichtfertig sein Reich unter seinen berechnenden Töchtern Regan und Goneril (Marie-Isabel Walke und Gaby Dey Herzog im Chefsekretärinnenkostüm von Ilka Kops) aufteilt und eine Verkettung von grausamen Ereignissen in Gang setzt.

Dass davon nicht nur eine Gruppe englischer Adliger betroffen ist, zeigen die Styroporkontinente, die an der Bühnenwand kleben. Als König Lear vor Wut über seine scheinbar undankbare Lieblingstochter Cordelia (seelenvoll: Sybille Weiser) ein Stück Australien zerschlägt, geht im wahrsten Sinne ein Welt-Bild zu Bruch.

Die Stärke der Inszenierung ist vor allem die Darstellung der Schicksalhaftigkeit der blutigen Tragödie. Dass keine von ihnen je die Bühne verlässt, zeigt, wie rettungslos die Figuren ineinander verstrickt sind. Entkommen ist unmöglich, sogar die Toten liegen während der zweistündigen Aufführung ständig im Blickfeld des Publikums. Außerdem sind die Darsteller nicht nur im übertragenen Sinne verblendet. Von vorn scheint ihnen unbarmherzig ein Scheinwerfer in die Augen, der die Szenerie in aseptisch blaues Licht taucht.

Die schnörkellose Inszenierung zwingt die Zuschauer im gut gefüllten, aber nicht ausverkauften Theater, sich umso intensiver mit dem nackten, mit viel Kunstblut verdeutlichten Elend der Charaktere auseinanderzusetzen. Wenn der geblendete Graf Gloster (stark: Jan Pröhl) heult wie ein verwundetes Tier und der treue Hofnarr (ebenfalls Sybille Weiser) dem wahnsinnigen Lear nicht mehr helfen kann, sind das beklemmende Momente, die einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Johannes Granzer spielt den einst stolz tönenden König in jeder Phase seines Verfalls sehr eindringlich. Und er versteht es, einem schmutzigen, auf seine Kreatürlichkeit reduzierten Mann einen Rest Würde zu lassen.

Im allgemeinen Gemetzel der zweiten Stückhälfte verliert die Inszenierung jedoch zunehmend die Krisenmotive aus dem Blick. Das in Strömen vergossene Blut ertränkt die Anspielungen, die verstreuten Wertpapiere spielen keine Rolle mehr.

Erst kurz vor dem donnernden Schlussapplaus wird Lear wieder zum Sinnbild für das Trümmerfeld des Kapitalismus. Wie eine Statue steht der Herrscher in den Resten eines zerstörten Reiches. Seine Nachfolger müssen ihn ansehen. Der König ist zum Mahnmal geworden.

Nächste Vorstellungen: 14.10. sowie 3. und 14.11. Karten: Tel. 0551 / 49 69-11.

Von Saskia Trebing

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