Das Literatur-Jahr 2009: Überraschend ging der Nobelpreis an die in Rumänien geborene Berlinerin

Von Herta Müllers Taschentuch

Freudige Überraschung: Herta Müller am 8. Oktober, unmittelbar nachdem sie erfahren hat, dass sie den Literatur-Nobelpreis bekommen soll. Archivfoto:  picture-alliance

Die Geschichte der Literatur-Nobelpreisträgerin 2009, Herta Müller, ist die eines mehrfachen Wunders.

Es ist ein Wunder, dass die 1953 in Nitzkydorf im deutschsprachigen Banat in Rumänien geborene Tochter eines ehemaligen SS-Mannes und Lkw-Fahrers zur Literatur fand. Es ist ein Wunder, dass sie sich nach dem Germanistik-Studium Anwerbeversuchen des Geheimdienstes Securitate widersetzte, erbarmungsloser Isolation und Bespitzelung standhielt.

Es ist ein Wunder, dass sie sich mit ihrer ersten Veröffentlichung (den Text des zensierten Buchs „Niederungen“ schmuggelte sie in den Westen) nach ihrer Flucht 1987 im literarischen Leben der Bundesrepublik etablieren konnte.

Es ist ein Wunder, dass die Schwedische Akademie erkannte, wie beharrlich sich Müller gegen das Vergessen von Verrat, Misstrauen und Angst in den Diktaturen Osteuropas gestemmt hat - mit Mut, Einfühlungsvermögen, unsentimentalem Blick und beispielloser sprachlicher Energie, wie Jury-Mitglied Anders Olsson bei der Preisverleihung in Stockholm feststellte: „Es steht bei ihr etwas auf dem Spiel, bei dem es um Leben und Tod geht.“

Die 56-Jährige hat ihren erstaunlichen Lebensweg in ihrer Nobelpreis-Vorlesung in ein simples Bild gefasst: das des Taschentuchs. Nach dem Taschentuch hatte einst jeden Morgen die Mutter am Gartenzaun gefragt, Ausdruck ihrer Zuneigung, die die einfache Frau anders nicht zu äußern vermochte. Ein Taschentuch breitete Müller auf einer Treppe aus, als sie sich - als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik - der Securitate widersetzte und man ihr umgehend das Büro wegnahm. Die Fabrik zu verlassen, wäre ihr als Arbeitsverweigerung ausgelegt worden, also saß sie demonstrativ auf dieser Treppe.

Ein Taschentuch und einen Teller Suppe gab eine Russin Oskar Pastior, Müllers 2006 gestorbenem Landsmann, als dieser im sowjetischen Arbeitslager hungerte. Er hob dieses Stück Stoff „aus Hoffnung und Angst“ ein Leben lang auf. Auf den Berichten des Lyrikers beruht Müllers Buch über die Lagerhaft, die auch ihre Mutter erdulden musste, „Atemschaukel“, das inzwischen als Lizenz in 40 Länder verkauft wurde.

„Ich wünsche mir, ich könnte einen Satz sagen, für alle, denen man in Diktaturen aller Tage, bis heute, die Würde nimmt“, beendete Müller ihre anrührende Rede: „Und sei es die Frage: Habt ihr ein Taschentuch?“

Keine öffentliche Figur

Verblüffend ist nicht zuletzt, dass der Nobelpreis die Schriftstellerin nicht zu verändern scheint. Sie tritt nicht als Großschriftstellerin auf, der öffentlichen Figur eines Günter Grass vergleichbar, die sich im Ruhm sonnt und zu allem und jedem etwas zu sagen hat. Müller äußert sich zu Themen, von denen sie etwas versteht, wie das Überleben alter kommunistischer Seilschaften und die Entwicklung in Diktaturen wie in China, die „mit Demokratie überhaupt nichts zu tun“ habe.

Es seien immer die anderen, die ihr einen Heiligenschein aufsetzen wollten, sagt die zierliche, stets in Schwarz gekleidete 56-Jährige: „Ich bin eine ganz normale Person. Es hat sich nichts verändert.“ Auch was sie mit den 950 000 Euro Preisgeld machen wolle, verriet sie nicht: „Ich kaufe mir keine Jacht, machen Sie sich keine Sorgen.“

Herta Müller ist am 21. Januar auf Einladung des Literarischen Zentrums in der Lokhalle Göttingen zu Gast. Die Lesung ist seit Mitte Dezember ausverkauft.

Von Mark-Christian von Busse

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