Johann Sebastian Bach würde jubeln

Zur Festwoche "800 Jahre Thomanerchor Leipzig" 

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Beim Motettenkonzert: Szene aus dem Dokumentarfilm „Die Thomaner“ von Paul Smaczny und Günter Appeln, der zurzeit in den Kinos läuft und Einblick in den Alltag der jungen Sänger gibt.

Leipzig. In diesem Jahr feiern die Thomaner mit Festwochen, Uraufführungen und natürlich vielen Konzerten ihr 800. Jubiläum. Zum Festakt am heutigen Dienstag in der Leipziger Thomaskirche wird auch der neue Bundespräsident Joachim Gauck erwartet.

Ihre Heimat, das ist seit jeher die Thomaskirche. Auch das Gotteshaus im Herzen Leipzigs und die 1212 gleichzeitig von Augustiner-Chorherren gegründete Thomasschule können auf acht Jahrhunderte Geschichte zurückblicken.

800 Jahre lang wird in Leipzig ununterbrochen der Knabengesang gepflegt. Als Folge der Reformation in Sachsen übernahm die Stadt Leipzig 1543 Chor und Schule von der Kirche. Auch in der DDR trug der Rat der Stadt als Vertreter des atheistischen Staats den Chor. An seine geistliche Ausrichtung freilich wurde nicht gerührt. Das Etikett „Erbe“, das auch Johann Sebastian Bach in die sozialistische Geschichtsdeutung integrierte, ließ diesen Spagat mühelos zu.

Bach war von 1723 bis 1750 Thomaskantor, den größten Teil seiner Kantaten und oratorischen Werke hat er für die Thomaner komponiert. Wie würden ihm Herz und Ohren aufgehen, wenn er den fein justierten Gesang der Thomaner aus dem Jahr 2012 hören könnte! Etwa 100 Jungen zwischen neun und 18 Jahren dürfen sich heute so nennen. Sie alle wohnen zurzeit in provisorischen Gebäuden, denn der „Kasten“, das Alumnat direkt gegenüber der Thomasschule in der Hillerstraße, wird von Grund auf modernisiert. 855 Euro müssen die Eltern im Jahr bezahlen, nicht viel für Unterbringung, Verpflegung, Musikunterricht und Betreuung.

100 öffentliche Auftritte im Jahr

Etwa hundertmal im Jahr singt der Thomanerchor, der sich, so erläutert es Georg Christoph Biller, seit 20 Jahren Thomaskantor, gern dem Wettbewerb mit den anderen Knabenchören und auch mit gemischten Profichören stellt. Zukunfts- und Nachwuchssorgen gibt es nicht. Rund um die Thomasschule entsteht Schritt für Schritt das „forum thomanum“, zu dem neben Schule, Alumnat und Villa Thomana eine Grund- und Mittelschule, eine Kindertagesstätte und eine Jugendmusikakademie zählen werden.

Für die Thomaner wird das Jubiläumsjahr ereignisreich. Konzerte und Tourneen nach Ostasien und England werden sie mit routinierter Begeisterung absolvieren.

Wenn die Jungen des Leipziger Thomanerchors in ihren blauen „Kieler Blusen“ zum Konzert einlaufen, erwartet man nicht unbedingt Texte wie „Nun seid ihr wohl gerochen an eurer Feinde Schar“ oder „Schmücke dich, o liebe Seele, lass die dunkle Sündenhöhle“.

Richtig aufregend wird es, wenn das traditionelle Fußballspiel gegen den Dresdner Kreuzchor ansteht.

Von Johannes Mundry

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