Hessen-Wahl als Politkrimi: Das neue Buch von Jan Seghers

Sie brachten Andrea Ypsilanti 2008 zu Fall: Die SPD-Landtagsabgeordneten (von links) Dagmar Metzger, Jürgen Walter, Silke Tesch und Carmen Everts. Das ist der Stoff für den neuen Krimi des in Baunatal aufgewachsenen Matthias Altenburg alias Jan Seghers. Foto: dpa

Wenn Matthias Altenburg am Donnerstag in Baunatal aus seinem neuen Krimi liest, ist das nicht nur besonders, weil der Erfolgsschriftsteller nach Hause kommt.

Altenburg ist in der VW-Stadt aufgewachsen, sein Vater lebt immer noch hier. Von der Geschichte, die der Wahl-Frankfurter in „Die Sterntaler-Verschwörung“ erzählt, ist ein Baunataler zudem „direkt betroffen gewesen“, wie Altenburg sagt. Er meint Bürgermeister Manfred Schaub.

Der Sozialdemokrat sollte nach der Landtagswahl 2008 im Kabinett von Andrea Ypsilanti hessischer Innenminister werden. Doch dann verhinderten vier SPD-Abgeordnete die rot-grüne Minderheitsregierung. Nach wochenlangen Diskussionen und Probeabstimmungen fiel ihnen ein, doch nicht für Ypsilanti stimmen zu wollen. Für Altenburg eine „fast biblische Verratsgeschichte“.

Bei den Wahlen zuvor hatte die CDU historisch verloren, die SPD historisch gewonnen. Es gab eine Patt-Situation und zugleich großen Streit um den Ausbau des Frankfurter Flughafens. „Die Realität hat mir alles auf dem silbernen Tablett serviert“, sagt Altenburg, „ich brauchte das Rädchen nur ein Stück weiterdrehen.“

Jan Seghers

Herausgekommen ist der beste von bislang fünf Krimis um den Frankfurter Hauptkommissar Robert Marthaler. Die Bestseller schreibt Altenburg unter dem Pseudonym Jan Seghers. Zwei Bücher sind erfolgreich vom ZDF mit Matthias Koeberlin verfilmt worden. Marthaler ist längst eine Marke - und damit auch Altenburg alias Seghers.

Die Landtagswahl 2008 bildet allerdings nur den Rahmen für eine fiktive Geschichte. Da gibt es den Ministerpräsidenten Rolf-Peter Becker, der wie Roland Koch den Dalai Lama zum Freund hat, im Schlaf aber von seiner Jugendliebe redet. Sein Regierungssprecher heißt nicht Dirk Metz, aber Udo Klotz und geht über Leichen. Und die SPD-Frau Sabine Xanthopoulos wird von den Christlichen nur „Xanthippe“ oder „Kommunistin“ genannt.

Einem Abgeordneten, der von den Konservativen zu den Grünen wechselt, werden Kinderpornos untergeschoben, eine Journalistin wird erschossen. Marthaler muss einen Sexualmord aufklären und sich mit korrupten LKA-Beamten rumschlagen. Ein junger Streuner, der aus der Schwalm stammt, beobachtet einen Motorradunfall und wird plötzlich gejagt. Im Taunus treffen sich derweil Politiker und Wirtschaftslobbyisten, die Rot-Grün verhindern wollen.

Matthias Altenburg alias Jan Seghers liest Donnerstag, 19 Uhr, in der Stadtbücherei Baunatal, Marktplatz 14.

Das alles verwebt Seghers so fulminant miteinander, wie es das US-Fernsehen in der Politserie „House of Cards“ tut. Die Sympathien sind klar verteilt. Es ist ein Vergnügen, den Bösen beim Stürzen zuzusehen. Man kann das Buch nicht weglegen, so spannend ist es.

„Die Sterntaler-Verschwörung“ ist nicht nur für SPD-Bürgermeister ein Vergnügen. Altenburg hat nun allerdings ein Problem: Seitdem er Kommissar Marthaler die Brötchen in der Bäckerei Harry im Frankfurter Nordend holen lässt, strömen die Leser dorthin. Nun ist die Schlange manchmal so lang, dass Altenburg sich auf der Straße anstellen muss.

Jan Seghers: Die Sterntaler-Verschwörung. Kinder-Verlag, 496 Seiten, 19,95 Euro. Wertung: Fünf von fünf Sternen.

 

Matthias Altenburg über... 

Roland Koch und die anderen Vorbilder seiner Romanfiguren: „Ich habe bei den Akteuren des Jahres 2008 recherchiert. Einige haben gerne geplappert, andere wurden ziemlich schmallippig. Nicht jeder war begeistert, dass ich nun meine Version der Geschichte erzählen würde. Mittlerweile gibt es Reaktionen aus der ehemaligen Staatskanzlei, mehr will ich dazu nicht sagen.“

Regionalkrimis: „Das ist eine grauenhafte Epidemie. Ich hasse diesen hingeschluderten Mist. Das ist die Fortsetzung der Fremdenverkehrswerbung mit anderen Mitteln.“

den Krimi als Gesellschaftsroman: „Im Kriminalroman kann ich aus allen Milieus der Gesellschaft erzählen, kann alle sozialen Schichten erkunden, kann Menschen aufeinandertreffen lassen, die sich in der Wirklichkeit nicht so einfach begegnen würden.“

Zur Person Matthias Altenburg (55) 

Geboren: am 14. Dezember 1958 in Fulda

Aufgewachsen: in Baunatal

Ausbildung: Studium der Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte in Göttingen

Wichtige Bücher: „Die Liebe der Menschenfresser“ (1992) sowie fünf Marthaler-Krimis als Jan Seghers. Der erste war 2004 „Ein allzu schönes Mädchen“.

Pseudonym: Ist eine Hommage an die Schriftstellerin Anna Seghers und den Ex-Radprofi Jan Ullrich, einst Altenburgs Idol.

Privates: Vater einer Tochter, lebt mit seiner Familie in Frankfurt.

Von Matthias Lohr

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