Diskutieren Sie den hessischen Krimi im Western-Stil

"Tatort" mit Ulrich Tukur ist blutigster und aufgeladenster aller Zeiten

Harte Konfrontation: Richard Harloff (Ulrich Matthes, links) und Felix Murot (Ulrich Tukur) Bild: HR/Sichler

"Im Schmerz geboren" ist der blutigste und aufgeladenste "Tatort" aller Zeiten. Die ARD zeigt den Krimi am Sonntag um 20.15 Uhr.

Die spektakulär hohe Zahl von 47 Toten und eine perfide Rachegeschichte, in die LKA-Ermittler Felix Murot tief verstrickt ist, sind das Eine im aktuellen „Tatort: Im Schmerz geboren“ vom Hessischen Rundfunk. Ebenso bemerkenswert ist aber die Form, die Regisseur Florian Schwarz, Autor Michael Proehl und die Redakteure Liane Jessen und Jörg Himstedt gewählt haben. Einen „Tatort“ der sich formal so viel traut, der so exzentrische Wege geht, hat es noch nicht gegeben.

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„Im Schmerz geboren“ ist wie das Kino von Quentin Tarantino: In knalliger Popkultur-Manier werden Zitate aus Wild-West-Filmen, Theater, Musik und Kunst zusammengebaut. Über die heftige Story mit vielen Morden und überraschenden Wendungen legt sich ein detailverliebter Firnis aus Anspielungen, Gags und optischen Maniriertheiten. Das wird Kontroversen in der Fangemeinde auslösen, hat aber auch schon Preise abgeräumt, etwa beim Festival für deutschen Film in Ludwigshafen.

Weitere spektakuläre Besonderheit: Die Filmmusik wurde vom HR-Sinfonieorchester eingespielt, zum Teil direkt auf die Szenen dirigiert von Spezialist Frank Strobel.

Ulrich Tukur als LKA-Ermittler Felix Murot steht als Gegenspieler Richard Harloff (Ulrich Matthes) gegenüber. Harloff war vor Jahrzehnten an der Polizeischule mit Murot eng befreundet, ist in Bolivien zum Kriminellen geworden - und nun wieder da.

Ein Erzähler (Alexander Held) auf einer Theaterbühne (in Minute 36 im Krimi wird er tot sein, aber trotzdem weiter erzählen) führt in den Film ein und sagt mit eindringlicher Stimme: „Ein Mann kehrt zurück - im Gepäck den Ballast der Vergangenheit, nun wird er zum Weh der Gegenwart. Lasst uns seh’n, was dieses Spiel uns zeigen mag.“

Es ist fast unmöglich, alle Anspielungen, Zitate und Reverenzen auf die Schnelle zu entschlüsseln, mit denen der „Tatort: „Im Schmerz geboren“ gespickt ist. Wir haben hier einige Hinweise zusammengestellt, die den Charakter des Werks verdeutlichen und eine Einstiegshilfe zum Schauen geben können.

Tipps beim Schauen: Darauf sollte man achten

1. Filmzitate: Die Bandbreite reicht vom Western bis zum französischen Liebesdrama: Los geht es mit einer Verbeugung vor Sergio Leones Italowestern „Spiel’ mir das Lied vom Tod“: Die Ankunft eines Zuges, der Fremde steigt aus, wird von Männern erwartet, die kurz darauf tot sind. Etwas später der Kontrast: Auch hier im „Tatort“ geht es um eine Dreiecks-Liebesgeschichte, einige Bilder zitieren Francois Truffauts erotisch-träumerischen Klassiker „Jules und Jim“.

2. Theateranspielungen: Los geht es auf einer Bühne, im Verlauf des Films werden immer wieder Anspielungen auf Shakespeare-Werke gemacht, so auf den „Kaufmann von Venedig“ mit dem Vertrag, der als Sicherheit ein Pfund Menschenfleisch vorsieht, und auf „Der Sturm“, denn eine Figur in der Autowerkstatt wird vom Chef mal Ariel und mal Caliban genannt - also mal mit dem Luftgeist und mal mit dem triebhaft-unterwürfigen Sklaven in Verbindung gebracht. Die drei ersten Toten heißen Marcellus, Claudius und Polonius - Figuren aus „Hamlet“.

3. Musik: Das HR-Sinfonieorchester spielt 23 Ausschnitte aus musikalischen Werken, von Beethovens „Egmont“-Ouvertüre über Brahms 1. Sinfonie bis zum Gefangenenchor aus Verdis Oper „Nabucco“, der bei einer opulenten Schießerei vor dem Wiesbadener Casino erklingt - wenn Murot gerade extrem in die Enge getrieben wird.

4. Freeze Frames: So bezeichnet man ein Stilmittel des Films: Bilder werden eingefroren und stehen fast wie Gemälde da. Hier werden die Bilder noch zusätzlich mit verfremdeten Farben kombiniert. Freeze Frames sind beliebt in Actionfilmen der 70er. Die Nähe zum Gemälde wird auch noch an anderen Stellen zelebriert, wenn Richard Harloff im Frankfurter Städel vor Gemälden steht, die lebendig werden.

5. Tiefer schauen: Es gibt noch viel zu entdecken, wenn man die Kapazität neben dem Verfolgen der Krimihandlung erübrigen möchte. Es gibt das Buch „The Storyteller’s Story“ (Die Geschichte des Geschichtenerzählers), das das Vexierspiel der Erzählebenen aufgreift, es gibt ein langes Bibelzitat. Und es gibt einen Dialog zwischen Murot und seiner Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp), in dem sie empfiehlt, die Spezialisten für Bandenkriminalität einzuschalten. Die Namen, die sie fast beiläufig nennt - Hochhäusler, Arslan, Petzold - sind in Wirklichkeit gefeierte Regisseure des deutschen Autorenkinos.

Von Bettina Fraschke

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