Intendant Christian Doll inszenierte Molières Klassiker „Tartuffe“ bei den Gandersheimer Domfestspielen

Heuchler mit Verführungskunst

Verführung mit Ansage: Um ihrem Mann Orgon (Mario Gremlich, hinten) zu beweisen, dass ihr Hausgast Tartuffe (Gunter Heun, Mitte) an die Wäsche will, lässt sich Elmire (Martina Maria Reichert) zum Schein auf dessen Avancen ein. Abgeneigt ist sie nicht. Foto:  Jelinek

Bad Gandersheim. Was für ein Mann! Fromm. Bescheiden. Geistreich. Geld, Haus, Tochter, Ehefrau – alles möchte man für ihn aufgeben. Und das, obwohl er von sich selbst sagt, er sei von Grund auf schlecht. In Molières Komödie „Tartuffe“ geht es dem gleichnamigen Heuchler richtig gut. Hausherr Orgon ist ihm verfallen und überschreibt ihm seinen Besitz, obwohl – oder vielleicht gerade weil – die liebe Familie Zeter und Mordio schreit, um ihn vor dem dubiosen Gast zu warnen. Wie tragisch und komisch das sein kann, erlebten die Zuschauer bei der fast ausverkauften Premiere von „Tartuffe“ am Freitag bei den Gandersheimer Domfestspielen.

Der neue Intendant Christian Doll inszeniert das mehr als 300 Jahre alte Stück selbst und macht aus dem religiösen Eiferer einen Guru, der Orgon (Mario Gremlich) Entspannungsübungen beibringt, Besitzlosigkeit empfiehlt und dabei Zofe und Hausherrin nachstellt. In der ersten Hälfte des Stückes lernt man ihn nur durch die Augen der anderen kennen. Orgons Familie zweifelt an Tartuffes Absichten, sie tadelt seine Maßlosigkeit, seinen Einfluss, sein ungepflegtes Äußeres, sein Faible für Mádame. So erwartet man einen verlotterten, schmeichlerischen Schuft – eine Schabe, wie sie das Logo des Stückes im Programmheft ziert.

Und dann: Auftritt Tartuffe. Ein lässiges Raubein, das mit Drei-Wochen-Bart und Jackett mühsam gezähmte Männlichkeit versprüht und sich benimmt, als gehöre ihm Haus und Hof. Gunter Heun spielt Tartuffe reduziert, aber wirkungsvoll. Fast stoisch lässt er Orgons Schwärmerei über sich ergehen. Gelassen bestätigt er die Vorwürfe von dessen trotzigem Sohn (Jost op den Winkel), als ginge ihn das alles nichts an: „Sehen Sie in mich hinein und Sie wären entsetzt.“

Orgon blickt nicht hinter die Fassade, wohl aber seine vernachlässigte Gattin Elmire. Martina Maria Reichert spielt die selbstbewusste Hausherrin mit unterkühltem Sexappeal. Von Tartuffes Liebesbekenntnis ist sie nur vorgeblich entsetzt. Pflichtbewusst versucht sie ihn damit zu erpressen, aber heimlich wirft sie sehnsüchtige Blicke.

Anders als in der Vorlage bleibt es nicht dabei, die Kleider fliegen. Die Szenen von Elmire und Tartuffe sprühen vor Witz und Erotik. Er bietet eine Affäre an: „Wer im Geheimen sündigt, sündigt nicht.“ Sie genießt den Flirt, der zu einem pikanten Spiel in ihrem Kleid ausartet (Ausstattung: Cornelia Brey). Auch sonst gibt Regisseur Doll dem Stück eine eigene Note. Mehrfach bricht er das Reimgeklingel der Vorlage, lässt die Charaktere in Alltagssprache sprechen, baut eigene Elemente ein – und die bescheren dem Stück oft die komischsten Momente. Etwa als Elmire Tartuffe einen Drink offeriert und dabei das gesamte Angebot eines gut sortierten Fachgeschäftes vorrätig hat. Running-Gags und Slapstick-Elemente sorgen für Lacher, stimmig sind sie aber nicht immer. Warum sich die Liebe der verlobten Tochter Mariane (Felicia Spielberger) zu ihrem Vater durch gegenseitiges Anbellen unter dem Tisch ausdrückt, bleibt unklar. Auch einige Nebenrollen wirken überspannt. Ausnahme: die vorlaute, aber herzensgute Zofe Dorine, von Anne Rickhof energiegeladen und pointiert gespielt.

Am Ende sind Heuchler und Besitz weg. Doll lässt die leidgeprüfte Familie vor den Scherben ihrer Existenz zurück. Dem Publikum gefällt’s.  Weitere Termine: 7. und 13. Juli, je 20 Uhr, und 15. Juli, 19 Uhr. Karten: 05382 / 7 33 10.

Von Friederike Szamborzki

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