„Heult nicht rum“: Porky von der Band Deichkind im Interview

Deichkind sind immer für einen Spaß zu haben: Hier turnen Porky, Ferris MC, DJ Phono und Kryptic Joe für den Fotografen. Aber fragen Sie uns bitte nicht, wer hier wer ist. Foto: Universal

Kassel. Deichkind sind angeblich „die klügste Band Deutschlands“ („Die Welt“) und „leider geil“, wie ein Hit heißt. Das Hamburger Quartett vereint mit HipHop und Techno die beiden wichtigsten Jugendbewegungen. Am 18. November gastieren Deichkind in der Kasseler Stadthalle.

Wir sprachen mit Bassist und MC Sebastian Dürre, der sich Porky nennt.

Porky, kann man ein Deichkind-Konzert besuchen, ohne bei der obligatorischen Bierdusche pitschnass zu werden?

Porky: Klar, wenn man ein bisschen weiter hinten steht. In Kassel besteht die Gefahr allerdings nicht, weil wir die Bierdusche nur bei Open-Air-Konzerten machen. Sonst wird es eine zu große Sauerei. Von der Bühne sieht es unfassbar aus, wenn Tausende Menschen die Dosen öffnen und das Bier in die Luft spritzt – wie ein Atompilz. Diesen Anblick lassen wir uns was kosten: Allein für das Dosenpfand bezahlen wir jedes Mal 1000 Euro.

Mit Ihren Saufliedern sorgen Sie für die geilsten Konzertabende, gleichzeitig gibt es nur wenige Bands, über deren ernste Texte so viel diskutiert wird. Wie funktioniert das?

Porky: Keine Ahnung. Wir sind ehrliche Beobachter und schreiben über das, was wir sehen, ohne uns in den Vordergrund zu stellen.

Der Hit „Leider geil“ handelt vom moralischen Dilemma, dass man Dinge wie Nike-Turnschuhe und das iPhone cool findet, aber weiß, unter welchen unmenschlichen Bedingungen diese Produkte hergestellt werden. Trotzdem rufen Sie nicht zum Verzicht auf. Wollen Sie die Welt nicht besser machen?

Porky: Die Frage ist, ob ein Verzicht tatsächlich hilft. Selbst die Demonstranten, die für eine bessere Welt kämpfen, tragen Nike und haben ein iPhone in der Tasche. Früher war ich häufiger im Wendland, wo die Protestierer fordern: „Atomkraft, nein danke.“ Und anschließend steigen sie in ihren alten VW-Bus, der mit seinem Dieselruß die Luft verpestet. Es bringt jedoch nichts, mit dem Finger auf Leute zu zeigen. Die einzige Möglichkeit, die Welt zu retten, ist sich umzubringen. Save the planet, kill yourself.

Sind Deichkind eine politische Band?

Porky: Nein, aber eine Band mit Haltung. Ich selbst bin Anarchist. Auf meinem Haus habe ich Solarkollektoren, mit denen ich mein Wasser heiß mache. Es geht darum, möglichst wenig Dreck zu machen und sich aus dem Apparat rauszuziehen. Auch als Band versuchen wir, nicht angepasst zu sein. Man sollte jedoch nicht genervt sein, wenn es keinen interessiert. Die US-Polit-Band Rage Against The Machine hat sich zwischenzeitlich aufgelöst, weil der Sänger Zack de la Rocha meinte, die Fans würden bei ihren Konzerten nur noch feiern und nicht zuhören. Aber warum soll ich jemanden ausgrenzen, der nur feiern will?

In „Illegale Fans“ solidarisieren Sie sich mit illegalen Downloadern. Wann haben Sie sich zuletzt etwas runtergeladen, ohne zu bezahlen?

Porky: Das weiß ich nicht mehr. Auch bei diesem Thema sind wir als Deichkind nur Beobachter. Wir stellen uns auf keine Seite. Es ist komisch: Ohne die illegalen Downloader wären wir nicht berühmt geworden. Trotzdem verkaufen wir jetzt viele Platten. Von mir aus kann alles so bleiben, wie es ist – auch wenn dabei viele Jobs sterben werden.

Aber viele junge Bands und Künstler wissen nicht, wie sie von ihrer Musik leben sollen.

Porky: Das war in den 70ern auch nicht viel anders. Jimi Hendrix ist mit fünf Dollar auf dem Konto gestorben, weil ihn seine Manager ausgenommen haben. Diese heulenden Indie-Songwriter von heute finde ich total frech. Wenn sie kein Geld verdienen, ist es vielleicht auch gar nicht so toll, was sie machen. Dann muss man geilere Songs machen. Bis dahin besorgt man sich einen Job im Café oder in einer Werbeagentur. Immer zu jammern, dass die goldenen Zeiten vorbei seien, finde ich peinlich. Heult doch bloß nicht rum. Musik ist harte Arbeit. Flachpfeifen werden da früher oder später ausrangiert.

Deichkind: 18. November, 20 Uhr, Stadthalle Kassel. Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

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