Von beklemmender Aktualität: Das Junge Theater Göttingen zeigt Dürrenmatts „Die Physiker“

Wer ist hier eigentlich verrückt?

Blick in die Anstalt: die Schauspieler Agnes Giese (von links), Thomas Hof, Jan Reinartz (er spielt den Wissenschaftler Möbius), Florian Lenz und Dirk Böther. Foto: Eulig

Göttingen. Schon nach fünf Minuten stellt der Inspektor die bezeichnende Frage: Bin ich eigentlich verrückt? Wer verrückt oder zurechnungsfähig oder gar beides zugleich ist, offenbart sich in Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ erst nach vielen Wendungen. Das Junge Theater Göttingen zeigte in der Premiere, dass man dem Klassiker von 1961 nach wie vor brandaktuelle Aussagen abgewinnen kann.

Dem Inspektor (Thomas Hof) bietet sich im Sanatorium ein skurriles Bild: Der Physiker Möbius wähnt sich als Sprachrohr König Salomos, zwei seiner Fachkollegen halten sich für Einstein und Newton und haben beide ihre Pflegerin erdrosselt. Während Leiterin von Zahnd (Anne Düe) sich schon um den Ruf der Anstalt sorgt, mordet auch Möbius. Die Oberschwester hatte erkannt, dass seine Verrücktheit gespielt ist. Ihr Tod ist ein weiterer Preis, den Möbius neben der Abkehr von Welt, Familie und Karriere zu einem höheren Zweck zahlt: Er hat die Weltformel gefunden, die Potenzial zur Auslöschung der Menschheit birgt. Möbius will dies verhüten und wählt den Weg ins Irrenhaus.

Jan Reinartz gibt dem Wissenschaftler im tiefsten Zwiespalt ein nahbares Gesicht, mal gramgebeugt, verzweifelt bemüht den Schein zu wahren, und doch von Idealismus beseelt - verdiente Ovationen im Schlussapplaus für ihn.

Möbius’ Mitinsassen entpuppen sich indes als Schergen konkurrierender Geheimdienste. Sie wollen in den Besitz der Formel gelangen und versuchen, das Genie von der Pflicht zur Nutzbarmachung seiner Erkenntnisse zu überzeugen. In einem offenen Schlagabtausch halten sie einander (und dem Publikum), ganz konkret im sparsamen, aber effektvollen Bühnenbild (Martin Käser, Kostüme: Floor Savelkoul) den Spiegel vor.

Die letzte Premiere der Saison nähert sich unter der behutsam aktualisierenden Regie von Marie Bues dem Spielzeitmotto „Wirklichkeit braucht Wahrheitsliebe“ konfrontativ hinterfragend. Gibt es Erkenntnisse, die zum Wohl der Menschheit nie publiziert werden dürfen? Lässt sich einmal Gedachtes in den Zustand des Nicht-gedacht-Seins zurückversetzen oder gelangt es zwangsläufig in die Hirne und Hände anderer? Wie viel Wahrheitsliebe verträgt die Wirklichkeit also, zur Bewahrung ihrer selbst?

Die grotesk-katastrophale Schlussszene der „Physiker“ nimmt dem JT das Antworten ab. Anstaltsleiterin von Zahnd hat alles hintertrieben. Die einzige wahrhaft Verrückte ist im Besitz von Möbius’ Formeln und schickt sich an, nach der Weltherrschaft zu greifen. „Die Rechnung ist aufgegangen“, spricht sie den letzten Satz des Stückes. Am Ende einer komplizierten Gleichung zu Wissenschaft und Moral ist sie die Multiplikation mit Null: Die Welt steht vor dem Nichts.

Nächste Termine: heute, 26. Mai, 8. Juni., jeweils 20 Uhr. Karten: Tel. 0551/49501-5, www.junges-theater.de

Von Jan Löffel

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